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Dienstag, 13.03.2018

Wehe dem, der das Böse entfesselt

Das Mittelsächsische Theater wird mit „Jekyll & Hyde“ zum großen Musical-Haus.

Von Jens Daniel Schubert

Alexander Donesch spielt mit atemberaubender Wandelbarkeit die schizophrene Titelfigur.
Alexander Donesch spielt mit atemberaubender Wandelbarkeit die schizophrene Titelfigur.

© Jörg Metzner

Dr. Jekyll ist ein guter Mensch und ein hervorragender Wissenschaftler. Aber er geht zu weit, und das führt zur Katastrophe. „Jekyll & Hyde“ ist ein großes Musical, 1997 war es am Broadway, 1999 in Bremen, knapp zehn Jahre später in Chemnitz, Dresden und Leipzig zu erleben. Für die Mittelsächsischen Theater ist es eine Herausforderung an der Grenze des Leistbaren. Standing Ovations nach der Premiere am Wochenende zeigen, dass der Erfolg den Aufwand rechtfertigt.

Die Geschichte aus dem Stevenson-Roman wird im Musical zu einer schlichten Story. Dr. Jekyll forscht über die menschliche Seele, will Gut und Böse isolieren. Als ihm die Honoratioren die Forschungsgelder streichen, greift er zum Selbstversuch. Weder seine Braut noch der gutmeinende Schwiegervater, nicht der beste Freund noch der treue Diener können ihn abhalten. Das Experiment gelingt. Doch das isolierte Böse, personalisiert in Edward Hyde, beherrscht immer mehr die gespaltene Forscherpersönlichkeit. Hyde treibt sein Unwesen im Bordell bei der Hure Lucy, die er dominiert, und in den dunklen Gassen, wo er die vom Wege abgekommenen Honoratioren mit dem Tod bestraft. Als er merkt, dass ihm eine dauerhafte Rückkehr in den Gutmenschen Jekyll unmöglich ist, lässt sich Jekyll/Hyde von seinem besten Freund töten. So rettet er seine Verlobte Lisa und die ganze saubere Gesellschaft.

Von der Hintergründigkeit und Doppelbödigkeit der Ursprungsgeschichte, in der Gut und Böse eben nicht klar zu trennen sind, sind nur wenige Versatzstücke erhalten. Man müsste sie suchen und differenziert herausarbeiten, um zu den möglichen Tiefenschichten der Story zu gelangen. Dies überlässt das Musical und auch die Freiberger Inszenierung dem Publikum, wenn es denn an solchen Deutungen interessiert ist.


In Freiberg präsentiert man das Musical mit einer hoch ambitionierten Mannschaft. Da ist die Mittelsächsische Philharmonie unter Juheon Han, sind Komparserie, Extraballett und Opernchor sowie die Solisten aus dem Chor, dem eigenen Ensemble und Gästen. Sie bespielen eine Bühne, die sich in kürzester Zeit verwandelt. Aus dem Zimmer wird ein offener Platz, vom Gewirr enger Gassen geht die Verwandlung zum geheimnisvollen Laboratorium, vom Festsaal zum verruchten Bordell. Tilo Staudte hat die Ausstattung entworfen, in den Kostümen milieugetreues 18. Jahrhundert, das Bild variiert durch fahrbare Häuserfassaden, vielleicht auch überdimensionierte Flacons geheimnisvoller Chemikalien, die von den Technikern mit großer Geschicklichkeit und beeindruckender Präzision gefahren werden. Alexander Donesch spielt mit atemberaubender Wandelbarkeit die schizophrene Titelfigur und meistert mit seinen Mitteln die in die Extreme geführte Gesangspartie. An seiner Seite als liebende Lisa Jana Maria Gropp mit geradlinig-sympathischer Ausstrahlung und Susanne Engelhardt als Hure Lucy. Dass die Engelhard diese Rolle mit großer Souveränität zur Hauptrolle gestaltet und stimmlich genau auf diesem Sound liegt, ist einmal mehr frappierend. Aus dem großen Ensemble mit vielen schönen Einzelleistungen ist Kathrin Moschke als Puffmutter herauszuheben, die dieser Figur Profil und warme Stimme gab.

Die Mittelsachsen machen großes Musical, die Abstriche, insbesondere im Sängerischen, sind hörbar, werden aber durch Authentizität im Spiel wettgemacht. Das ist Regisseur und Choreograf Stefan Haufe als besonderes Verdienst anzurechnen. Er hat die Szene nicht nur professionell organisiert und choreografiert, sondern alle Darsteller in eine einheitliche Spielweise abseits vom theatralischen „So tun als ob“ gefügt. Das ist gelungen, da gibt es zu Recht begeisterten Applaus!

Wieder am 20. 3., 22. 4., 13. und 19. 5. in Freiberg, am 31. 3. und 8. 4. in Döbeln, Kartentel. 03731 35820

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