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Mittwoch, 03.01.2018

Warum baut China schneller?

Dichter, höher, moderner: Wird das Bauen in Deutschland gehemmt durch zu viele Vorschriften und das Streben nach Gerechtigkeit? Ein Beitrag von Eike Becker, Architekt.

Von Eike Becker

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Immer schneller, immer höher: So wie sich hier die Skyline von Schanghai als Ansammlung hochmoderner Architektur präsentiert, entwickeln sich chinesische Städte in einem Tempo, das hierzulande unvorstellbar ist.
Immer schneller, immer höher: So wie sich hier die Skyline von Schanghai als Ansammlung hochmoderner Architektur präsentiert, entwickeln sich chinesische Städte in einem Tempo, das hierzulande unvorstellbar ist.

© Getty Images

Eike Becker, geboren 1962, studierte in Aachen, Paris und Stuttgart Architektur. Er arbeitete in London bei Norman Foster und Richard Rogers und gründete 1999 mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker Architekten in Berlin. Das Büro arbeitet an Schnittstellen von Architektur und Stadtplanung mit innovativen Materialien und sozialer Verantwortung. Den Text entnahmen wir der Zeitschrift „Immobilienwirtschaft“.
Eike Becker, geboren 1962, studierte in Aachen, Paris und Stuttgart Architektur. Er arbeitete in London bei Norman Foster und Richard Rogers und gründete 1999 mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker Architekten in Berlin. Das Büro arbeitet an Schnittstellen von Architektur und Stadtplanung mit innovativen Materialien und sozialer Verantwortung. Den Text entnahmen wir der Zeitschrift „Immobilienwirtschaft“.

© privat

Wir landeten 1995 zwischen den Hochhäusern in Kai Tak, mitten in der Stadt. Victoria Harbour war noch dicht befahren von Dschunken und Ozeanriesen. Die Bank of China von I. M. Pei hatte zwar Probleme mit dem Feng Shui, konnte aber mit Eleganz und 367 Metern Höhe der HSBC, dem damals teuersten Gebäude der Welt von Norman Foster, den Rang als spektakulärstes Haus von Hongkong abnehmen. Ich war begeistert von dieser so dynamischen Stadt, die Europa und Asien in sich zu vereinen schien. Zwischenzeitlich mussten die Briten ihre damalige Kronkolonie verlassen, und China hat übernommen. Ein Land, zwei Systeme. Das war 1997.

Zwanzig Jahre später steige ich im Provisorium von Berlin-Schönefeld ins Flugzeug und lande zwölf Stunden später auf dem Flughafen Chek Lap Kok, der nach acht Jahren Bauzeit 1998 öffnete. Im Jahr 2016 wurden dort über 70 Millionen Passagiere abgefertigt – in Frankfurt/Main waren es 60 Millionen. Schon aus dem Flugzeug beobachte ich Hunderte von Sandlastkähnen, die für die nächste Landebahn die Insel erweitern. Der Airport Express bringt uns in 25 Minuten direkt vom Terminal nach Central. In München dauert das seit vierzig Jahren über eine Stunde. Im Vorbeifahren sehe ich die neue, siebzig Kilometer lange Brücke über das Perlfluss-Delta nach Macao, dem Las Vegas Asiens. Bauzeit sieben Jahre.

Alles ist viel dichter, höher, größer geworden. Seit 2010 ist das ICC mit 484 Metern das höchste Haus der Stadt. Hongkong ist heute die Stadt mit den meisten Hochhäusern überhaupt. 1 300 davon sind über 140 Meter hoch. Fast doppelt so viele wie in New York. Frankfurt hat achtzehn, ganz Deutschland insgesamt 25. Der Dimensionssprung ist enorm. Hongkong hat so viele Einwohner wie die vier größten deutschen Städte Berlin, Hamburg, München und Köln zusammen, nämlich 7.3 Millionen. Zusammengenommen leben im Perlfluss-Delta heute vermutlich 60 Millionen Menschen auf einer Fläche gerade so groß wie Niedersachsen.

Hongkong kann heute nur mit China zusammen verstanden werden. Fünfzehn Städte zählen dort schon je zehn Millionen und mehr Einwohner. 1,4 Milliarden Chinesen gibt es. Das sind mehr Einwohner als in Nordamerika, Europa und Russland zusammen. In einem Staat, zentral gelenkt. Der Urbanisierungsgrad Chinas lag 1990 bei 26 Prozent. Heute leben bereits etwa 55 Prozent der Chinesen in Städten. Und die mussten im selben Zeitraum gebaut werden.

Als Deng Xiaoping 1979 die Sonderwirtschaftszone um Hongkong ausrief, exportierte die chinesische Wirtschaft im Jahr so viele, wie heute in sechs Stunden. In Deutschland beherrschen andere Schlagzeilen die Medien. Der neue Berliner Flughafen, die Elbphilharmonie, die Staatsoper sind keine Einzelfälle. Bauen dauert in Deutschland schleppend lange. Entscheidungen werden sorgfältig abgewogen, manchmal hinausgezögert. Baurecht muss den verantwortlichen Institutionen im Laufe von langwierigen Verfahren mühsam abgerungen werden.

Wer Bauvorhaben in Deutschland zügig und kostengünstig oder auf besondere Weise durchführen möchte, läuft schnell auf Grund. Allgemeingültige Gesetze fördern die ausgewogenen Mittelpositionen. Die Genehmigungsverfahren sind kompliziert und anspruchsvoll. Tausende von Standards und Normen regeln fast alles. Innovative Lösungen tun sich damit schwer. Machen wir uns also handlungsunfähig durch zu viele Rechtsvorschriften, lückenloses Streben nach Gerechtigkeit, Sicherheit und Dauerhaftigkeit? Werden wir durch immer höhere Ansprüche an das, was wir tun, und durch das Streben nach Perfektion immer langsamer? Werden wir dadurch abgehängt?

Warum ist das in China so anders? Nach Maos Tod 1976 war China ein hungerndes, bitterarmes Agrarland. Eine Gruppe um Deng Xiaoping brachte dann das Land auf den Weg zur „sozialistischen Marktwirtschaft“. Sonderwirtschaftszonen wurden eingerichtet, und die Bauern durften auf eigene Rechnung wirtschaften. Chinas Wirtschaft gehört seitdem zu den am schnellsten wachsenden der Welt. Das Land hat bis heute und auf Jahre hinaus einen riesigen Nachholebedarf. Heute herrscht dort eine Stimmung wie in den USA zur Zeit des Wilden Westens. Alles wird gebraucht, muss aufgebaut und ausgebaut werden. Mit allem lässt sich Geld verdienen. Auch in Deutschland kennen wir das aus den Wirtschaftswunderjahren der Nachkriegszeit. So lange ist das noch nicht her.

Aber: Was ist anders? Hosea Duan ist ein 36-jähriger Projektentwickler, der in Shenzhen gerade einen Hochhauskomplex fertiggestellt hat. Mit stolz verschränkten Armen fragt er mich, was er besser machen kann. Vor so viel naivem Selbstbewusstsein fällt mir die enttäuschende Antwort schwer. Er hat genau die gleichen Fehler gemacht wie die deutschen Wohnungsgesellschaften in den Aufbaujahren. Ganze Stadtteile wurden da zusammengeschustert, die nicht wirklich für die Menschen gemacht sind, die dort mit ihren Nachbarn ihr Leben teilen wollen. Fehler, die wir heute gerade aufwendig zu beheben versuchen. Rückständigkeit und Ideenlosigkeit sind zwar die sichtbaren Ergebnisse der Arbeit von Hosea Duan, aber nicht das eigentliche Problem. Etwas ist in China grundsätzlich anders: China ist kein Rechtsstaat.

Das Land leidet unter einer korrupten Einparteiendiktatur. Hosea Duan musste auf dem Weg zu seinem schnellen Reichtum die örtlichen Parteikader bestechen, damit er das Grundstück bekam. Er musste Mitarbeiter in den Behörden bestechen, um die Baugenehmigung zu erhalten. Da bleibt keine Zeit für einen Wettbewerb als Qualifizierung für sein Projekt. Er musste Beamte bestechen, um die in historischen Häusern lebenden Anwohner zu enteignen und zu vertreiben. Die konnten sich gegen die korrupten Parteifunktionäre nicht wehren.

In den Redaktionen der Zeitungen sitzen Zensoren, das Internet wird kontrolliert. Ich frage mich, was eigentlich Hosea Duan passiert, wenn er aus dem Korruptionskreislauf aussteigt oder ein Funktionär sein Unternehmen gleich ganz übernehmen möchte? Hosea Duan will jetzt auch in Kanada investieren.

Und was bedeutet das für Deutschland? Viele beschweren sich hierzulande über die langsamen Ämter und die langen Entscheidungswege bis zum Baurecht. Zumeist sind hier die Behörden personell unterbesetzt, unterbezahlt und technisch nicht angemessen ausgestattet. Ein Skandal, wie achtlos hierzulande die so wichtigen Institutionen behandelt werden. Und in den politischen Ausschüssen und Parlamenten sitzen häufig Laien, die sich im Parteienstreit verfransen und nicht sachorientiert handeln. Da besteht Reformbedarf. Thema: die bauende Demokratie.

Aber in einem Rechtsstaat ist der Weg zu einer Bauvoranfrage, einem Bauantrag oder einem Bebauungsplan genau vorgeschrieben. Abweichungen davon beeinträchtigen die Rechte Dritter, die ihr Recht einklagen können. Da sind Wissen und Sorgfalt erforderlich.

Gute Architektur und nachhaltiger Städtebau sind in der Regel das Ergebnis umfangreicher Diskussionen und Abstimmungsprozesse. Nicht die schnellen, einsamen Entscheidungen kleiner Cliquen sind langfristig erfolgreich, sondern die Strukturen, die faire, gleiche und offene Beteiligung regeln und zu nachhaltigen Entscheidungen, guter Architektur und langfristig lebenswerten Städten führen. Das sind die Errungenschaften, die ein extrem hohes Gut darstellen und dabei für Gesellschaften so schwer zu erreichen sind. Diktaturen können nicht dauerhaft kreativ und nachhaltig sein.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die Denkanstöße geben und zur Diskussion anregen sollen.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 25 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Felix

    Naja, bautechnisch sind die Chinesen sicher fortschrittlicher als wir, doch man darf nicht nur die eine Seite der Medaille sehen. China hat ein riesiges Umweltproblem. Ich glaube kaum, dass wir dies hier auch wollen. Und genauso der Punkt mit der Übervölkerung - ich finde es nicht erstrebenswert, zig Millionen Menschen auf engstem Raum zu haben.

  2. Larso

    China hat 6000 Jahre Kulturgeschichte, dagegen sind unsere 68 Jahre wie ein Hauch von der Seidenstraße.

  3. Sören Göhler, Dresden

    In der Zeit, in der hierzulande nicht ein Flughafen fertig wurde, wurden bis jetzt in China mehre dutzend und bis 2020 werden 74 Flughäfen gebaut sein. Während hierzulande paardutzend Kilometer ICE-Strecke mit mehrfach liegenbleibendem Zug gefeiert wird, baut China tausende Kilometer Bahnstrecke und nutzt diese. Während hierzulande die Solarbranche nachhaltig zerstört wurde, baute China die Stadt Dezhou, die mit über 95 % Solarstrom versorgt wird. Während hierzulande ein Konsortium aus mehreren Firmen an einem E-LKW mit 70 km Reichweite bastelt, gibt es in China seit Jahren mehrere Hersteller von E-LKWs mit einer Reichweite von bis zu 400 km lt. der Werbung, laß es reelle 250 km sein. Währenddessen hierzulande das Pro-Kopf-Einkommen seit Jahren sinkt, steigt es in China. Währenddessen hierzulande die Politik in Wahlperioden "denkt" und einzig im Sinne einer Lobby-Minderheit handelt, richtet China seine Politik strategisch-langfristig zum Wohle des ganzen Volkes aus.

  4. smoky

    Na @ Sören Göhler, vielleicht eine etwas eindimensionale, technokratische Sicht? "Zum Wohle des GANZEN Volkes" wurde hier schon mal gewirtschaftet, ging aber nicht so ganz gut und kam auch nicht bei ALLEN so gut an. Ansonsten würde ich Ihnen empfehlen: Sofort nach China auswandern! Aber im Ernst: es braucht immer etwas Zeit um zu erkennen, was das geringere Übel ist.

  5. Mighty

    @Larso: Ich rätsel was ihr Satz bedeuten soll. Reduzieren Sie Deutschland und Europa auf die Nachkriegszeit und vergleichen das mit einem China quer durch alle Epochen? Das hinkt gewaltig. China ist anders, riesig, komplex und aktuell voller Angst vor Rückständigkeit und bemüht diese mehr als wett zu machen. Dabei wird auf Nichts und Niemand Rücksicht genommen. Wir haben aber etwas gemein. Es zählt das Geld und nicht der Mensch.

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