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Samstag, 30.12.2017

Vorübergehend erschossen: ein Jahresrückblick

Wie in dem zu Ende gehenden Jahr aus meinem Standpunkt ein Gehpunkt wurde.

Von Wolfgang Schaller

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© Symbolbild: dpa/Jan Woitas

Wolfgang Schaller ist Kabarettist, Autor und künstlerischer Beirat der Dresdner Herkuleskeule.
Wolfgang Schaller ist Kabarettist, Autor und künstlerischer Beirat der Dresdner Herkuleskeule.

© Robert Michael

Silvesterraketen knallen. Noch schießt sie kein Irrer in Nordkorea oder Amerika ab und kein durchgeknallter Nato-General und kein knallharter Putin. Es ist nur mein Nachbar, der zum Jahreswechsel immer einen Knall kriegt, sein gesamtes Hartz-Vier-Vermögen in den Himmel zu ballern. Die Ausgaben für Silvesterböller steigen adäquat zu den Rüstungsböllern. Eineinhalb Billionen Euro Militärausgaben in diesem Jahr. America first. Und wir können sagen: Wir sind dabei gewesen.

Bombenstimmung also in den Rüstungskonzernen. Es lebe die Waffenbrüderschaft mit Saudi-Arabien. Abrakadabra. Kampfjets aus deutscher Wertarbeit helfen, Jemen in die Hölle zu bomben. Deutsche Hilfsorganisationen helfen, in Jemen 25 Millionen Menschen vor dem Sterben zu retten. Mit exorzistischem Eifer singt in der Spendengala Florian Silbereisen „Ich glaube, Gott im Himmel sieht mir zu. Und er wird sich wundern, was ich tu.“ Gott wundert sich und tritt vor Schreck aus der Kirche aus. Oma spendet fünf Euro von ihrer Altersarmutsrente.

Ich zappe und lande bei Carmen Nebel. Sie sieht jung aus wie vor hundert Jahren. Als würde man sie jedes Jahr ins Eisfach legen und nur zur Weihnachtsshow rauslassen. Das Jahr der Wiederkehr. Berlusconi bewirbt sich um die italienische Präsidentschaft. Er sieht aus wie Lenin im Mausoleum.

Heute ist gestern. Jeder dritte Amerikaner glaubt an die biblische Menschwerdung an einem Tag. Schade, dass sich Gott so wenig Zeit genommen hat. Die Menschheit ist Gottes Nullserie. Warum sonst wählen die RTL-Gucker beim Supertalent schwanzwedelnde Hunde? Warum merken in Hollywood schwanzwedelnde Männer erst jetzt, dass Vergewaltigung keine Liebeserklärung ist? Warum schwänzelt ein halbes amerikanisches Volk um Trump?

Und wen wählen wir? Die sich entvölkernden Volksparteien oder die völkische AfD? Und will die SPD Opposition oder Koalition? Also Selbstmord oder Suizid? Was wird eher fertig: Die Regierungsbildung oder der Berliner Flughafen? Sind wir unzufrieden, weil die Krankenkasse nicht die Ayurvedakur im indischen Ashram zahlt? Oder weil sich im Pflegeheim die Menschenwürde im Kot wund liegt?

Siemens meldet einen Rekordgewinn. Siemens entlässt sechstausend Arbeiter. Mit Paradise Papers häufen Konzerne durch Steuerhinterziehung Milliarden. Kann die Politik die neuen Asozialen daran hindern? Eunuchen wollen und können nicht. Politiker könnten und wollen nicht. Soll sich das Volk eine neue Regierung suchen? Oder die Regierung ein neues Volk?

Frau Merkel bietet den Rechtspopulisten in Österreich gute Zusammenarbeit an. Warum bietet sie Pegida nicht gute Zusammenarbeit an? Der Terrorist Amri war längst, bevor er tötete, ein Gefährder, der den Verfassungsschützern direkt in die Arme lief. Aber die Beamten riefen: Fass uns nicht an! Und haben ihn nicht gefasst. Sitzen die Gefährder unserer Sicherheit in den Sicherheitsdiensten? Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen. Ein Rechtsruck. Wer „Abschieben!“ ruft, kann Ministerpräsident werden.

Es wird von den nicht anerkannten / unerwünschten Asylanten / Jesus Christ am Kreuz da oben / von Marcus Söder abgeschoben. / Und Neujahr gibt’s nur wenige / Heilige drei Könige. / Wer wird als Caspar auserkoren? / Keiner spielt den schwarzen Mohren / aus Angst, auch wenn sie unbegründet, / er würd als Flüchtling angezündet.

Ruck ich nach rechts? Nach links? Oder lügt die Wahrheit in der Mitte? Mein Standpunkt ist ein Gehpunkt. Ich sticke in alter deutscher Runenschrift PROST NEUJAHR in mein Sofakissen. Das kann nichts schaden. Wenns mal andersrum kommt. Eins kommt bestimmt: Egal, ob es Silvester schneit, das neue Jahr ist nicht mehr weit.

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