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Freitag, 14.09.2018

Von Radebeul nach Stambul

Karl May als Witzfigur? Ein Roman zeigt den abenteuerlichen Sachsen von seiner komischen - und tragischen - Seite.

Von Marcus Thielking

Karl May selbst ließ sich im Kostüm als Kara Ben Nemsi fotografieren. So hieß der unbezwingbare Held seiner Orient-Erzählungen. Die Legende, dass er selbst all die Abenteuer erlebt habe, wurde von May so lange gepflegt, bis er wohl fast selbst dran glaubte.
Karl May selbst ließ sich im Kostüm als Kara Ben Nemsi fotografieren. So hieß der unbezwingbare Held seiner Orient-Erzählungen. Die Legende, dass er selbst all die Abenteuer erlebt habe, wurde von May so lange gepflegt, bis er wohl fast selbst dran glaubte.

© Karl-May-Museum Radebeul

So hat sich das Kara Ben Nemsi bestimmt nicht vorgestellt. „Karls Oberschenkel schmerzte, und er spürte, wie seine Wade unter der Anstrengung zu zittern begann. Ich werde sterben, dachte Karl und tastete hektisch mit der Hand in der Spalte umher, ich werde lächerlich in diesem Urwald abstürzen und die Geier werden mich fressen …“ Ist das noch der tapfere Held unserer Jugend? Und überhaupt: Was bitteschön hat Kara Ben Nemsi alias Old Shatterhand alias Karl May hier im Urwald von Ceylon zu suchen?

Es ist ein waschechtes Abenteuer, auf das Philipp Schwenke seine Leser in diesem Roman mitnimmt: „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ ist ein tollkühnes Spiel mit Realität und Einbildung – und zugleich ziemlich unterhaltsam. Dem Schriftsteller May hätte das gefallen, wenn er bloß selbst in dieser Geschichte nicht die groteske Hauptrolle spielte. „Ein Karl-MayRoman“ heißt das Buch im Untertitel. Das ist fast schon ein eigenes Genre. Bislang neun Romanbiografien über den Abenteuerdichter listet die Karl-May-Gesellschaft auf. Die bekannteste – und wohl literarisch gelungenste – ist aus dem Jahr 1980: „Swallow, mein wackerer Mustang“ von Erich Loest.

Anders als Loest erzählt Schwenke nicht das ganze Leben des Schriftstellers nach. Seine Geschichte konzentriert sich auf die Zeit um 1899, als May zum ersten Mal wirklich in den Orient reiste, den er in seinen Romanen so oft beschrieben und angeblich höchstselbst bereist hatte. Als er nach Kairo aufbrach, war er schon 57 Jahre alt und zuvor kaum jemals aus Sachsen rausgekommen – ein Schwindel, der nun auch bald öffentlich auffliegen sollte.

Dramaturgisch gäbe allein das schon genug Stoff her für diesen 600-Seiten-Roman: Mays erbitterter Kampf gegen seine Kritiker; seine Selbstzweifel und der Schock über die dreckige Wirklichkeit seiner orientalischen Traumwelt; schließlich die Ehekrise zu Hause in Radebeul mit seiner Frau Emma, das Verhältnis mit Klara Plöhn und die sich anbahnende Scheidung. Doch Philipp Schwenke wagt noch mehr und tut genau das, was May in seinen Büchern auch gemacht hat: Er verbiegt die Grenzen zwischen Wahrheit und Dichtung. Dabei jongliert er so gekonnt mit Fakten und Fiktionen, dass selbst der maykundige Leser manchmal nicht weiß, was wirklich und was erfunden ist.

Die Leute glauben jeden Unfug

Zum Beispiel haben schon manche Biografen gemutmaßt, dass Emma May bisexuelle Neigungen hatte. Aber dass sie ausgerechnet mit Klara Plöhn ins Bett ging, Mays späterer zweiten Ehefrau – das ist schon unerhört. Neben die historisch bekannten Figuren gesellen sich im Roman fiktive Charaktere. So trifft May in Kairo den Geologen Wilhelm von Hoven, der sich als sein größter Bewunderer herausstellt. Mit von Hoven bricht May später zu einer „echten“ Abenteuerreise auf, um es seinen Kritikern endgültig zu zeigen, die an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln.

Wie es May im Roman immer wieder schafft, sich aus der Affäre zu ziehen, sobald sein Schwindel aufzufliegen droht, darin erweist er sich dann doch als richtiger Teufelskerl. Als er etwa auf der Schiffsanreise von lauter neugierigen Fans bedrängt wird, eine Kostprobe seines Sprachtalents zu geben – May behauptete, er beherrsche 600 Sprachen –, trägt er schließlich ein Gedicht in Fantasie-Chinesisch vor: „Schiii, laseee sche daseee,/ letsoo, de biang biang bong …“ Der Saal applaudiert begeistert, nur ein Skeptiker verschränkt die Arme und raunzt: „Die Leute glauben wirklich jeden Unfug, wenn sie ihn glauben wollen.“

Nebenbei beherrscht es Philipp Schwenke auf verblüffende Weise, den May-Erzählstil über weite Strecken so nachzuahmen, dass es sich nicht wie eine Parodie liest, sondern als wäre man mittendrin in alten Schmökern wie „Von Bagdad nach Stambul“ oder „In den Schluchten des Balkan“. Wie der Autor im Nachwort angibt, hat er sich bei seinen Schilderungen auch fremder Quellen bedient, wie Baedekers Reiseführer, Mayers Konversationslexikon oder Brehms Tierleben – ganz so, wie es Mays Schreibtechnik war.

Ist das Ganze der Gemeinde verbissener May-Fanatiker zumutbar? Der arme Karl wird ganz schön durch den Kakao gezogen. In Kairo probiert er arglos den braunen Brei eines Straßenhändlers, und bald darauf entfährt ihm, kurz nach dem Verlassen einer Moschee, „ein so gewaltiger Furz, dass zwei Männer, die ihm entgegenkamen, ihr Gespräch unterbrachen“. Was dann geschah, möge nachlesen, wer möchte.

Karl May lebt

Man kann jedoch guten Gewissens über diesen komischen Karl May schmunzeln, denn in jeder Zeile ist spürbar, dass der Autor seine Hauptfigur durchaus wertschätzt. Am Ende läuft es gar auf eine Art Ehrenrettung hinaus, und Schwenke hat einen überraschenden Einfall, wie und warum aus dem Abenteuerschriftsteller nach der Orientreise auf tragische Weise der pathetische Friedensprediger wurde. Irgendwo im letzten Drittel des Buchs geht dem Leser, zusammen mit Karl May, plötzlich ein Licht auf, hinter das er zuvor ganz gehörig geführt wurde. Realität? Einbildung? Die Wahrheit beginnt zu flimmern.

Karl May jedenfalls lebt: Vor zwei Jahren hat der Regisseur Philipp Stölzl „Winnetou“ für RTL als Dreiteiler neu verfilmt, voriges Jahr war Stölzls May-Stück „Der Phantast“ am Staatsschauspiel Dresden zu sehen. Schon 2014 zeigte die Semperoper „Karl May, Raum der Wahrheit“, nach einem Libretto von Marcel Beyer. Der Journalist Philipp Schwenke, Textchef beim Wirtschaftsmagazin Capital, ist Jahrgang 1978 und gehört wohl wie Stölzl noch zu jener Generation, deren May-Sucht durch das Bücherregal der Eltern geweckt wurde. Auf seiner Facebook-Seite empfiehlt er sein Buch denn auch ganz freimütig als Weihnachtsgeschenk: „Es ist perfekt für Väter, Onkel, Opas.“ Und vielleicht auch für Söhne, Neffen, Enkel.

Philipp Schwenke: Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste. Ein Karl-May-Roman. Kiepenheuer & Witsch. 608 Seiten, 23 Euro.