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Donnerstag, 13.09.2018

Von allem ein bisschen zu viel

„Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ ist üppiges Musical, Drama, Theaterfilm und Werkschau in einem.

Von Andreas Körner

Große Show im Film: Tobias Moretti (M.) steht als Londoner Gangster Macheath samt seiner Verbrecherbande auf der Bühne.
Große Show im Film: Tobias Moretti (M.) steht als Londoner Gangster Macheath samt seiner Verbrecherbande auf der Bühne.

© Wild Bunch

Lars Eidinger raucht nicht mehr. Und ausgerechnet ihm wurde die Rolle des Bertolt Brecht zugemutet, der einst nur mit brennender Zigarre im Mund gesehen ward. Eidinger bestand beim Dreh auf Zigarren ohne Tabak und Nikotin, man hat sie ihm besorgt. Teuer seien sie gewesen, so teuer wie manch ein Rat, den er wohl bekam, um den großen Dramatiker zwischen Klischee und freier Annäherung zu spielen. Ohne Zigarre vielleicht? Das wäre ja mal was gewesen!

Im Sommer 1928 hat „Die Dreigroschenoper“ im Berliner Theater am Schiffbauerdamm Premiere. Der 30-jährige Brecht ist am Morgen zuvor genauso geladen wie sein Komponist Kurt Weill und all die Schauspielerinnen und Schauspieler, die vor dem entscheidenden Vorhang noch den Aufstand der Eitelkeiten proben. Keiner weiß, wie das Publikum reagiert, erst recht keiner weiß, was die Kritiker vom Stück halten werden, mit dem Bertolt Brecht erklärtermaßen „der völligen Verblödung der Oper“ entgegenzuwirken gedenkt. Hat das Ganze Zähne wie der Haifisch, der besungen wird? Schlägt es ein wie eine Kanone aus besagtem Lied?

90 Jahre nach dem fulminanten Erfolg der „Dreigroschenoper“ mit bis heute andauernder Resonanz auf den Bühnen der Welt erinnert Joachim A. Langs wild wucherndes Leinwandspektakel „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ daran, dass schon die Urheber in den 20er-Jahren den Rückenwind der Rampe fürs noch junge deutsche Tonfilmkino nutzen wollten. Damit ist Bertolt Brecht dereinst gescheitert. Wird es heute eben nachgeholt? So einfach ist die Sache auch wieder nicht.

Überflutung der Reize

Regisseur Lang ist ein anerkannter Brechtianer, hat über den Meister dissertiert, war acht Jahre künstlerischer Leiter des Brechtfestivals in Augsburg und hat sich ihm fürs Fernsehen in dokumentarischer Weise genähert. Zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit entstand zudem unter seiner Federführung „Die Deutschlandrevue“ als Kooperation des Dresdner Staatsschauspiels mit dem Südwestrundfunk. Es war eine Zeitreise. „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ als Joachim A. Langs spätes Kinodebüt erscheint da zunächst wie ein Konglomerat, ja, die Zuspitzung all dieser Arbeiten.

Stilistisch sind die 130 Minuten nur schwer zu greifen. Sie bieten bis hin zur Maßlosigkeit gespreiztes Musical und Drama, Essay und Revue, Fakten und Fiktion, Theaterfilm und Werkblende, zeigen Archiv- und computergenerierte Bilder einer Verwandlung. Sie nutzen originale Elemente der von Brecht angezettelten Verstörung und adaptieren dessen Kritik an politischen und wirtschaftlichen Zuständen ins Heute. Munter verwirrend wechseln in der Außenwelt inszenierte Sets der „Dreigroschenoper“ hin zu Bertolt Brechts zehrendem Kampf um künstlerische Freiheit gegen die Produktionsfirma des geplanten Films. Also geht es auch vor Gericht. Einige großartige Ideen sind speziell in der visuellen Umsetzung dabei, anderswo nervt die Überflutung der Reize, siegen formale Aspekte über die inhaltlichen. Besonders am Ende, wenn Gleichnisse die Tagesaktualität betonen, das alte London zur Skyline des 21. Jahrhunderts wächst, schaukeln sich Symbole überdeutlich hoch.

Und wenn gar nichts hilft, bleibt noch die kaum zu unterschätzende Wirkung eines wirklich hochkarätig besetzten, üppig ausgestatteten Kostüm- und Ensemblefilms. Neben Lars Eidinger – korrekt in Ledermontur samt Brechtbrille und eben Zigarre – spielen unter anderem Robert Stadlober (Kurt Weill), Claudia Michelsen (Mrs. Peachum), Joachim Król (Peachum), Tobias Moretti (Macheath), Hannah Herzsprung (Carola Neher/Polly) und Meike Droste (Helene Weigel). Sänger Max Raabe ist auch dabei. Er steht an der Drehorgel. Sie spielen und singen, wie es ihnen gegeben ist. Alles zwischen „Mamma Mia!“ und „Chicago“ ist möglich.

Ausschließlich echte Brecht-Zitate

Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Die Filmindustrie ist zu doof und muss erst bankrott gehen. Wer A sagt, muss nicht B sagen, er kann auch erkennen, dass A falsch war. Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch, wie wir durchsetzen. Das sind allesamt Originalzitate von Bertolt Brecht, die in seiner Prosa, seinen Gedichten und Briefen vorkommen. Lars Eidingers Text ist komplett aus ihnen heraus entstanden. Mit Nonchalance, zarter Ironie und hintergründigem Lächeln hier, kokett, streng, eitel, klug und spröde dort spricht und formt er sie aus. Sein Brecht ist einer der Worte. Anderes, das man vielleicht weniger gern gehört denn gesehen hätte, bleibt schwebend. Die Frauen an seiner Seite beispielsweise, Helene Weigel und Elisabeth Hauptmann. Man sollte ahnen können!

Bertolt Brecht wollte seine Oper nicht einfach nur verfilmen. Er wollte sie weiterentwickeln, visionär anpassen, wollte das aufkommende Medium nutzen, um über gesellschaftliche Verwerfungen aufzuklären, den Figuren des Stücks radikalere Konturen geben. Gangster Macheath sollte sich von London aus zum Symbol aller mächtigen Geschäftsmänner strecken, Peachums Bettelfabrik das organisierte Aufbegehren symbolisieren, kurz: Das Kunstvolle sollte wirklicher werden. „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ arbeitet sich an diesen Visionen regelrecht ab, indem er den zwar als Exposé konzipierten, am Ende aber nie gedrehten Film in Brechts Kopf sichtbar fürs heutige Kinopublikum wachsen lässt.

Es gab damals sehr wohl einen Dreigroschenfilm, 1931 hatte er Premiere. „Frei nach Bertolt Brecht“, hieß es. Mehr ließ der Autor nach einem gerichtlichen Vergleich nicht zu. Er selbst war raus. Jetzt ist vor allem er wieder drin.

Am Sonntag ab 11 Uhr gibt es nach der Vorführung in der Schauburg Dresden eine Podiumsdiskussion mit Filmregisseur Joachim A. Lang, Wolfgang Schaller, Intendant, und Sebastian Ritschel, Regisseur von „Die Dreigroschenoper“ an der Staatsoperette Dresden.

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