• Einstellungen
Mittwoch, 11.07.2018

Vervielfachtes Gewicht

Der Ostberliner Fotograf Joachim Richau zeigt in Dresden die Erhabenheit der Natur und den Umbruch im Leben. Dabei verrät er auch viel über sich selbst.

Von Uwe Salzbrenner

Bleierne Schwere, Ignoranz und Resignation, Abwendung und Misstrauen: Das Nashorn, das Joachim Richau Mitte der 80er-Jahre für seine Serie „Berliner Traum“ ablichtete, ist jetzt im Dresdner Leonhardi-Museum zu sehen.
Bleierne Schwere, Ignoranz und Resignation, Abwendung und Misstrauen: Das Nashorn, das Joachim Richau Mitte der 80er-Jahre für seine Serie „Berliner Traum“ ablichtete, ist jetzt im Dresdner Leonhardi-Museum zu sehen.

© Joachim Richau/akg-images

Das Nashorn lagert unter Kabellampen in seinem Stall, der eher einem Gefängnis gleicht. Ein in seiner Ruhe eindrückliches, eindringliches, übergreifendes und übergriffiges Bild. Das Tier im Zoo ist immer Ausstellungsstück, ein Randbewohner. Was es tut, ist nicht von Belang, so wird ihm alles gleichgültig. Der Körper des Nashorns spricht von bleierner Schwere, Ignoranz und Resignation, Abwendung und Misstrauen.

Unter diese Stichworte lässt sich Joachim Richaus gesamter Foto-Zyklus „Horizont oder die Illusion der Fremde“ rücken, den er von 1984 bis 1996 produziert hat. Häuser und Denkmäler kommen einem falsch vor mit ihrer Masse, den strengen Parallelen, den Kanten. Alles Gebaute: längst verworfen oder marode. Es ist, als wäre man am falschen Platz in den Drauf- und Untersichten. Selten ist man mit dem Geschehen auf Augenhöhe.

Zeitgeschichtlich gesehen ist in diesen Schwarz-Weiß-Fotografien die DDR am Ende. Und nach 1989 wird weiter abgerissen. An der Flussgrenze nach Polen findet Richau Gitter, Zäune, kaputte Brücken. Einzig die Serie zum Dorf Beerfelde im Osten Brandenburgs, bereits 1987 abgeschlossen, inszeniert neben dem Verfall Hoffnung und natürliche Widerstandskraft der Bauern.

Man darf diese Werkgeschichte bei Joachim Richau auch biografisch lesen. 1952 in Ostberlin geboren und dort als Autodidakt zum Fotografieren gekommen, ist er ein Skeptiker, schüchtern, ein wenig menschenscheu. Bild für Bild entfernt er sich von seiner großstädtischen Heimat und erkundet das Fremde. Untersucht den Umbruch, den Abbruch und damit auch das eigene Befinden. Zieht immer weiter nach Osten, in die Uckermark, dann nach Norden, nach Skandinavien. Kommt im Abgeschiedenen sich selbst näher, als es in Gesellschaft möglich ist. Krankheiten, Verluste sind bei ihm immer mit im Bild. Diese existenzielle Verbindung ist den Fotografien selten explizit abzulesen, bestimmt aber Motivwahl, Schnitt und Färbung, die Bildstimmung. Längst fotografiert Richau nur noch Natur, deren selbstverständliche Erhabenheit als Ort des Lebens.

Diesem Schaffen ist der zweite und jüngste Zyklus entnommen, den das Leonhardi-Museum Dresden in seiner Schau ausschnittsweise zeigt. „Fragment oder die Gegenwart des Zweifels“ ist von 2005 bis 2016 entstanden, meist in einem Steinbruch im Norden Schwedens. In diesen Jahren hat Richau, jeweils für mehrere Monate, in der Waldhütte eines Freundes gewohnt, bis zu dessen Tod. Hat sich mit Strukturen der Landschaft auseinandergesetzt, das Bild vom Wetter abhängig gemacht. Achtzig Kilometer ist der Steinbruch von der Hütte entfernt, und Richau zieht es immer wieder hin. In den Fotografien erscheinen gewaltige Blöcke, oft senkrecht verziert mit den Bohrungen zum Spalten und Sprengen des Steins.

Diese gelegentlich auch farbigen Fotografien orientieren sich an einem Oberflächenschmelz: am staubdünnen Anflug von Ziegelfarbe, an Moos- und Flechtengrün, leicht angetautem und wieder gefrorenem Schnee. Manchmal sieht das Fotografierte aus wie gemalt. In mehrteiligen Bildern wird das Gefüge zusammengesetzt statt auseinandergeschnitten, als suchte Richau auch in der Natur der Steine so etwas Gewaltiges wie das Nashorn – ein auch im Symbol verdoppeltes, vervielfachtes Gewicht. Nur sind es jetzt Fronten, nicht die Kanten der Mauern und des Schattens, die den Betrachter geradezu aus dem Bild drücken. Das titelgebende Fragment, der Bruch im Stein, ist in diesem Sinne die Voraussetzung der Kunst: Der Zweifel kommt hier vor dem Bild und wird einem durch das Bild genommen.

Die Schau im Leonhardi-Museum Dresden, Grundstr. 26 ist bis zum 19. August zu sehen, dienstags bis freitags 14 bis 18 Uhr und am Wochenende 10 bis 18 Uhr. Zur Werkgruppe „Fragmente“ erscheint ein Katalog.

Desktopversion des Artikels