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Donnerstag, 09.08.2018

Verrat unter Verwandten

Von Rainer Kasselt

Maxim Biller war ein scharfzüngiger Kritiker im Literarischen Quartett beim ZDF. Wie werden seine Kollegen am Freitag mit ihm umgehen? Foto: dpa PA/Swen Pförtner
Maxim Biller war ein scharfzüngiger Kritiker im Literarischen Quartett beim ZDF. Wie werden seine Kollegen am Freitag mit ihm umgehen? Foto: dpa PA/Swen Pförtner

© dpa PA/Swen Pförtner

Sechs Koffer, sechs Städte, sechs Perspektiven. Die Koffer: Symbol für Flucht und Vertreibung. Die Städte: Moskau, Prag, Berlin, Hamburg, Zürich und London. Die Perspektiven: ein Familiendrama aus der Sicht der Verwandten. Im Zentrum des weitgespannten Romans die Frage: Wer hat den Großvater an den sowjetischen Geheimdienst verraten? Der eigene Sohn oder die schöne Schwiegertochter? Oder gab es einen dritten Denunzianten?

Maxim Biller steigt tief hinab in den Brunnen der Vergangenheit. Der Berliner Autor, 1960 in Prag als Sohn russisch-jüdischer Eltern geboren, erzählt in seinen Büchern fast immer Eigenes. Er ist überzeugt, „dass kein Schriftsteller überzeugend über Dinge schreiben kann, von denen er nie etwas selbst erlebt hat. Wir tun das, was wir tun, aus unserer Biografie heraus.“ Auch in „Sechs Koffer“ spielt er gekonnt und ironisch mit Fakten und Fiktionen. Im Zeitalter der Fake News bringt Biller den Leser gern mal auf eine falsche Fährte. Doch stets drängt er in die Gegenwart zurück. Er selbst führt als Erzähler durch den Roman, beginnend als sechsjähriger Junge, endend als erfahrener Mittfünfziger. Einmal wird der Erzähler in eine Talkshow eingeladen, und die Moderatorin fragt, warum er so viel und so hart über seine Familie schreibe. Seine lakonische Antwort: „Weil ich keine Geheimnisse mag.“

Deal mit dem Geheimdienst

Auch in der Romanfamilie rankt sich Geheimnis an Geheimnis, Gerücht an Gerücht. Alles beginnt mit dem Großvater, den sie auf Jiddisch Tate nennen. Tate wird in den ukrainischen Karpaten geboren, ist im Ersten Weltkrieg österreichischer Soldat, gerät in russische Gefangenschaft, bleibt für immer in Russland, handelt auf dem Schwarzmarkt mit Devisen und wird 1960 hingerichtet. Er hat vier Söhne. Lev, den Geheimnisvollen. Wladimir, den Schönen. Dima, den Angepassten. Und Semjon, den Fleißigen. Jeden verschlägt es von Ost nach West.

Die Söhne werden in politische Händel, ideologische Kämpfe und riskante Geldgeschäfte verwickelt. Biller verzahnt die Schicksale der Brüder, bindet sie ein in die Wirren der Zeit. Lev und Wladimir geraten in den gefährlichen Sog der Slansky-Prozesse in der sozialistischen Tschechoslowakei. Der kommunistische Politiker Rudolf Slansky wurde mit anderen wegen angeblich „zionistischer Umtriebe“ 1952 zum Tod verurteilt. Den beiden Brüdern gelingt die Flucht in den Westen.

Lev wird von der Familie als „Mistkerl“ bezeichnet, er gilt als derjenige, der den Großvater an den sowjetischen KGB auslieferte. Er lebt in Westberlin und traut niemandem über den Weg, vor allem keinem „aus dieser verlogenen, lauten, geldgierigen Familie“. Wladimir setzt sich nach Brasilien ab, gründet erfolgreich eine Firma, lebt in einer Villa mit Blick aufs Meer. Ausführlicher widmet sich der Autor den Brüdern Dima und Semjon. Dima wird beim Versuch der illegalen Ausreise aus der Tschechoslowakei verhaftet und wegen Devisenschmuggels zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Er lässt sich auf einen Deal mit dem Geheimdienst ein, muss aber die Strafe absitzen und lebt später in armseligen Verhältnissen in Zürich. Seine Ehefrau, die attraktive Filmregisseurin Natalia, verlässt ihn. Sie war mit dem falschen Bruder liiert, geliebt hat sie immer nur Semjon, doch der ist mit der eifersüchtigen Rada verheiratet.

Semjon, der als Übersetzer arbeitet, und Rada sind die Eltern des Erzählers. Sie verlassen 1970 Prag, ziehen nach Hamburg. Doch sie können die Stadt, die ihnen nach der Flucht aus der Sowjetunion zur Heimat geworden war, nicht vergessen. Am Ende ihres Lebens mieten sie in Prag eine Zweitwohnung. Ihre Tochter Jelena, die Schwester des Erzählers, lebt mit ihrem kanadischen Mann in London, besucht regelmäßig die Eltern, kennt nach vielen Jahren der Emigration noch jeden Weg und Steg in Prag. Jelenas Klavierlehrerin hatte sie einst erstaunt gefragt, was ihre jüdischen Eltern ausgerechnet in Deutschland suchen. „Geh wenigstens du weg, solange du Zeit hast.“ Maxim Biller weiß, warum er der Lehrerin diesen Satz in den Mund legt. Ein Menetekel in Zeiten des verbreiteten Antisemitismus in der Bundesrepublik.

Weder Helden noch Heilige

Die gelungenste und tragischste Figur des Buches ist Natalia. Als junges Mädchen überlebt sie KZ und Todesmarsch, wiegt 1945 nur 38 Kilo. In den Barrandov-Studios dreht sie einen Antikriegsfilm, der den Hauptpreis in Locarno erhält. Sie musste, wie Natalia in einem Brief an den geliebten Semjon schreibt, in vielen Betten der Bosse liegen, um diesen Film drehen zu können. Nach dem Ende des Prager Frühlings bekommt sie Berufsverbot, emigriert nach Kanada. „Vor allem muss ich hier niemanden mehr belügen, muss nicht insgeheim denken, dass ich klüger bin als andere und es ihnen verschweigen“, schreibt sie. Um zu existieren, geht sie bei einer „märchenhaft reichen jüdischen Familie saubermachen“. Für die eifersüchtige Rada bleibt Natalia die ewige Nebenbuhlerin, eine gewöhnliche Nutte. Als keine Hoffnung mehr keimt, nirgends, sucht Natalia den Freitod.

Jüdische Schicksale, mit Hass und Schmerz geschildert. Maxim Biller erspart sich und den Lesern nichts. Ohne Verklärung, in schnörkelloser Sprache, erzählt er von einer, von seiner jüdischen Familie. Keine Helden, keine Heiligen. Menschen mit Schwächen und Stärken, mit Lebenslügen und Liebesleid. Ein starker, trauriger und trotziger Roman.

Maxim Biller: Sechs Koffer.

Kiepenheuer & Witsch, 200 Seiten, 19 Euro

Das Literarische Quartett des ZDF diskutiert am Freitag,

22.55 Uhr, auch über Maxim Billers neuen Roman.

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