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Dienstag, 03.07.2018 Stadtschreibers Sicht

Unerträgliche Schnitte

Was haben Rasierapparate mit Fußball gemeinsam? Früher war es das Privileg der Poesie, Realitäten kühn zusammenzubringen.

Von Kurt Drawert

Dresdens Stadtschreiber Kurt Drawert.
Dresdens Stadtschreiber Kurt Drawert.

© Christian Juppe

Dann fiel es doch noch, das entscheidende Tor im Vorrundenspiel gegen Schweden. Im Dresdner Brauhaus Watzke, in dem ich nur noch ein Bier trinken wollte, lag man sich erregt in den Armen, schrie und pfiff, als wäre nicht nur ein Fußballspiel, sondern ein Krieg zu Ende gegangen oder ein Ereignis von vergleichbar historischer Dimension. Von einer „Schmach für Deutschland“ las man in den Medien am Tage zuvor, von „Nationaler Schande“, würde Deutschland nach der 0:1-Niederlage gegen Mexiko abermals verlieren und aus dem Turnier vorzeitig ausscheiden müssen. Anderntags konnte man im Internet die immer gleiche Szene abspielen, wie der Freistoß verwandelt und der Ball straff ins Netz platziert worden ist.

Vorgeschaltet zu diesem Videoclip war eine Werbung – Rasierapparate der Marke Braun, und wie verlässlich sie sind. Damit war etwas produziert, das früher einmal zum Privileg der Poesie gehört hat: kühn zu assoziieren und einander ausschließende Dinge und Realitäten so zusammenzubringen, dass neue Räume des Denkens entstehen. Schon in den 1930er-Jahren hat der russische Linguist Roman Jakobson das Phänomen der Aneignung poetischer Verfahren mit dem Ziel der Indoktrination erkannt, wenn er schrieb: „Was ist Poesie? Wollen wir diesen Begriff definieren, so müssten wir ihm das gegenüberstellen, was Poesie nicht ist. Doch zu sagen, was Poesie nicht ist, fällt heute gar nicht so leicht.“

Wiederum heute, achtzig Jahre später, ist diese Grenze zwischen poetischem und instrumentellem Gebrauch der Sprache fast völlig verschwunden, denn es gibt kaum einen Bereich des öffentlichen Lebens, der in seiner sprachlichen Organisation nicht von Stilelementen beherrscht wird, die einmal hauptsächlich der Literatur gedient haben – auch Tropen genannt. Allein die unendlich vielen Metaphern, die unser Gefühlsleben steuern und neuronale Netze bilden oder verändern, wären es wert, ausführlich untersucht zu werden.

Schauen wir nur einmal auf ein Wort, was es bewirken kann und wie es das Denken beeinflusst: Flüchtlinge. Das Suffix „linge“ ist häufig negativ besetzt, bedrohlich, feindlich. Wie Schäd-/linge. In Verbindung mit „Flucht“ gebracht, entsteht so etwas wie „Schädlinge, die auf der Flucht sind“. Nicht offensichtlich, nicht im reflexiven Gebrauch, aber in einer tieferliegenden Schicht des Bewusstseins, die auch zuständig für Emotionen und Affekte ist.

Am Ende lagert Sprache sich im Unbewussten ab, die Wörter werden körperlich. Auch dafür sind wir verantwortlich, was und wie es unsere Innenwelt besetzt. Denn wir können immer auch abweisen und Nein sagen, wir können entscheiden, wählen, was wir lesen und welche Begriffe für welche Nachricht wir verwenden wollen. Jeder Sprechakt ist eine Handlung, eine Tätigkeit mit dem Effekt des Appells.

Im Falle der Verknüpfung zweier disparater Objekte – das Tor im Spiel, das auch schon wieder eine Verweisung auf andere Objekte ist, und einem Markenartikel –, ist die Botschaft unmissverständlich: Verlässlichkeit und Qualität.

Aber nicht nur darüber wollte ich sprechen, denn etwas anderes bewegte mich, oder besser: verstörte mich mehr; und es hatte auch damit zu tun, dass jede Nachricht in einem Strom von Nachrichten erscheint und immer noch etwas anderes bedeutet als das, was zu bedeuten ihre Absicht war. Zu sehen war es in der Pause zwischen erster und zweiter Halbzeit, als die Tagesschau eingespielt wurde und von einem Schiff die Rede war, das mehr als 200 in Seenot geratene Migranten an Bord geholt hatte und nun im Mittelmeer irrt auf der Suche nach einem Hafen – ein unglaublicher Vorgang ohnehin. Diese Schnitte nun, so unvermittelt zwischen Fußballweltmeisterschaft und humanitärer Katastrophe, waren mir komplett unerträglich, denn sie handelten zwei Realitäten auf ein und derselben medialen Bedeutungsebene ab. Das allerdings interessierte niemanden mehr, es war unwichtig, fast möchte ich sagen – es störte das Spiel, von dem so vieles, fast alles, abhing an diesem Tag.

Heute, nur wenige Tage später und nach dem Desaster gegen Südkorea, ist dieses gefeierte Tor, von dem ich am Anfang erzählte, nichts, aber auch gar nichts mehr wert. Daran nun hängt sich keine Werbung mehr an – an ein Tor, das im letzten Spiel leider nicht fiel. Oder höchstens noch eine für alkoholfreies Bier.

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