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Montag, 30.07.2018

Und auf dem Cello singen Nachtigallen

Von Karsten Blüthgen

Die Luft steht stickig unter dem großflächigen Dach. Wolken schieben sich vor die sinkende Sonne in Schmochtitz. Regen bringen sie nicht in die Gegend um Bautzen. Was an diesem Freitag fließt, sind salzige Rinnsale über die Haut der Besucher, die in Scharen zum Konzert ins Bischof-Benno-Haus gekommen sind. Fächer lassen hilflos Lüftchen wehen, ohne den Takt der Musik zu beachten. Einzig sie selbst, edel dargeboten, macht die zwei Stunden in der aufgeheizten Kirche erträglich – mehr als das. Das Ensemble Amarcord ist zum Lausitzer Musiksommer zurückgekehrt, für einen feinen und reinen A-cappella-Abend.

„Spielart Amerika“ nennen die fünf Leipziger ihr noch junges Programm. Perfekt passt es in diesen Musiksommer, der sich abermals „Landschaften“ widmet. Es bietet Rares neben Klassikern und steht vor allem für etwas, das Bautzen, unser Land, unsere Zeit dringend brauchen: Neugier und Mut, Offenheit und Toleranz.

Namen wie Charles Ives und Samuel Barber verbinden selbst Kenner kaum sogleich mit Vokalmusik. Amarcord sang die Sätze mit Akkuratesse, bezog den Exil-Amerikaner Hanns Eisler ein, zumal er gebürtiger Leipziger war. Der zweite Programmteil unterhielt mit amerikanischen Songs – ein Terrain, das Amarcord auf der CD „Folks & Tales“ im Jahr 2013 bereits gestreift hat. Tom Waits und Nat King Cole grüßten aus den Mündern der Leipziger. Wenn manches Tempo matt wirkte, manche Harmonie flimmerte, dann mochte es die lähmende Hitze gewesen sein zum Finale einer Konzertsaison, die für das Ensemble an diesem Abend endete. Frank Sinatras „Fly Me to the Moon“ hatte den Bogen zum Himmelsschauspiel geschlagen, das draußen wartete.

Hochzeit von Henne und Kuckuck

Geht es um barocke Nachahmung der Natur, muss es nicht Vivaldi sein. Schon sein älterer böhmischer Kollege Heinrich Ignaz Franz Biber ließ auf seiner Geige Kuckucke rufen, Frösche quaken, Katzen miauen und Blumen blühen. Das Quartett Neobarock servierte am Samstag in Kamenz Kostbares wie Bibers „Sonata violin solo representative“ brillant und verzauberte alte Partituren in der Klosterkirche in frische Klänge der Gegenwart. Höchst virtuos und mit exemplarischem Stilgefühl musizierten Ensembleleiterin Maren Ries und Anna Dmitrieva auf ihren Geigen, machten eine „Hochzeit der Henne und des Kuckucks“ zum Hörgenuss. Ein Generalbass grundierte die Oberstimmen dezent, ohne nur Grundlagen zu liefern. Stanislav Gres ehrte mit Francois Couperin auch einen Revolutionär der Solo-Tastenmusik und brachte auf seinem Cembalo Nachtigallen zum Singen.

Am kommenden Wochenende endet das Festival, wiederum gibt es Hörenswertes: Im Programm „Fluss der Zeit“ am Freitag in Görlitz widmet sich das Minguet Quartett den Kulturräumen links und rechts der Neiße. Die 50 Stimmen des Projektchors der Chorakademie des Lausitzer Musiksommers präsentieren sich am Samstag in Panschwitz-Kuckau. Zum Finale wartet am Sonntag das Turmblasen vom Bautzner Rathaus.

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