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Mittwoch, 11.07.2018

Über heftige Kanten

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Mit zwei „Dresdner Werken“ hat sich die Staatskapelle in der Semperoper in den Sommer verabschiedet: Schumanns Klavierkonzert und Rachmaninows zweite Sinfonie, die mit tosendem Applaus gefeiert wurden, entstanden in wesentlichen Teilen an der Elbe. Bejubelt wurde auch die Leistung der Gäste. Mit Dirigent Antonio Pappano, der am Kapellpult debütierte, und Pianist Jan Lisiecki gaben sich zwei Musiker die Ehre, die es als Migrantenkinder geschafft haben, in die Weltspitze vorzustoßen. Pappano kam 1959 in Epping bei London zur Welt, als Sohn italienischer Einwanderer, die der englischen Küche mit Pizza und Pasta würzige Alternativen beibrachten. Lisiecki wurde 1995 im kanadischen Calgary geboren, wohin seine Eltern aus Polen gezogen waren.

Lisiecki, der mit 23 Jahren frappierende Reife ausstrahlt, verlieh Schumanns a-Moll-Konzert eine Intensität, die bei diesem 1845 im Hotel de Saxe an der Frauenkirche uraufgeführten Werk selten zu erleben ist. Mit geschlossenen Augen flog er durch das Allegro Affettuoso, nahm das Andantino grazioso äußerst feinfühlig, um im finalen Allegro vivace die Tasten fast in Brand zu setzen. Er spielte auswendig, doch mit einer pulsierenden Emotionalität, die aus dem Moment zu erwachsen schien. Wechselte zwischen geschwind fließendem und hämmernd perkussivem Anschlag, technisch makellos, ohne in kalter Brillanz zu zerglitzern. Schlug den Bogen von einer genialen Entrücktheit, die sich eher mit Beethoven verbindet, zu einer delikaten Spielweise, die an Liszts Virtuosität anknüpft – spannend zu erleben, dass Schumanns Poetik diese Kraftströme hergibt. Pappano gelang es, die Kapelle auf dieses Knistern und Lodern einzuschwören, die bizarren Tempi des Solisten mitzugehen. Im Finale leistete er sich ein sattes Schwelgen, das schon spätromantisch anmutete, ein Ausblick auf den Rachmaninow nach der Pause. Zunächst aber begleitete er Lisiecki am Flügel bei dessen Zugabe, dem vierhändig zu spielenden Impromptu Nr. 1 aus Schumanns Zyklus „Bilder aus Osten“.

Rachmaninow wohnte ab 1906 in der Dresdner Sidonienstraße, die die Prager kreuzte. In seiner e-Moll-Sinfonie begegnen sich Zweifel und Trotz, Zerrissenheit und Sehnsucht, Wucht und Erschöpfung. Pappano ging mit der Kapelle mehrmals an die Grenze des Ausdrückbaren, machte die Zerrissenheit fast körperlich spürbar. Das Scherzo erwies sich partiell als wilde Hatz, von der das pathetisch aufgebettete Adagio nur bedingt Erholung brachte. Den Biss, den die expressive Tempogestaltung bewirkte, fing Pappano mit der an Tschaikowsky und Strauss gemahnenden edel gedeckten Klangfarbenkultur wieder auf, die der Kapelle so liegt. So kam die Sinfonie als Aufreger rüber, als ruheloses Auf und Ab über heftige Kanten, die dann aber doch so gerundet wurden, dass keiner Schmerzen litt. Pappanos bisweilen eklektischer Stil ist nicht unumstritten, und die Kapelle schien auch nicht durchweg im Einklang mit ihm zu sein. Ein Erlebnis ist er gewiss. Und er bescherte ein heißes Saisonfinale.

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