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Montag, 10.09.2018

Sturz in die Erinnerung

Von Karin Großmann

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Juli Zeh hat seit ihrem Romandebüt „Adler und Engel“ von 2001 vieles mit Erfolg ausprobiert, in der Literatur wie auf der Bühne. Foto: dpa
Juli Zeh hat seit ihrem Romandebüt „Adler und Engel“ von 2001 vieles mit Erfolg ausprobiert, in der Literatur wie auf der Bühne. Foto: dpa

© picture alliance / Erwin Elsner

Ein weißes Haus auf der Ferieninsel Lanzarote wird zum Tatort in Juli Zehs Psychodrama. Foto: Mauritius Images
Ein weißes Haus auf der Ferieninsel Lanzarote wird zum Tatort in Juli Zehs Psychodrama. Foto: Mauritius Images

© Mauritius

Ein zweijähriges Mädchen im hellblauen Schlafanzug liegt am Straßenrand wie ein überfahrenes Tier. Das Gesicht im Lavaschotter von Lanzarote. Dieses Bild brennt sich ein. Doch es scheint im Unterbewusstsein verschwunden zu sein bei Henning, dem Bruder des Mädchens. Ist das Vergessen eine Gnade, wie die Mutter der beiden Kinder hofft? Kann die Verdrängung unheilvoller Erlebnisse die Seele schützen? Und wann macht dieser Mechanismus krank? Das ist das Thema im Roman von Juli Zeh, der an diesem Montag erscheint. Der lapidare Titel „Neujahr“ meint den Jahreswechsel Ende 2017 und lässt sich auch als Neubeginn lesen.

Für die Autorin ist es das nicht. Nach den Erfolgsbüchern „Unterleuten“ und „Leere Herzen“ mit ihren gesellschaftspolitischen Tiefenbohrungen schreibt sie wieder ein Psychodrama, wie es etwa der Roman „Nullzeit“ war. Auch dort wurde ein traumatisches Erlebnis erzählt, auch dort lieferte die kanarische Ferieninsel Lanzarote die schroffe Kulisse. Die 44-jährige Autorin verbringt mit ihrer Familie gern Zeit auf der Insel. Zu Beginn des neuen Buches kämpft sich ein Mann mit einem Leihrad durch die schwarze Gerölllandschaft bergan. Henning ist inzwischen erwachsen und hat selbst Familie. Er nutzt den Neujahrsmorgen zu einer Tour. Der Wind treibt ihn zur Seite, als wollte er ihn zur Umkehr zwingen. Die Muskeln schmerzen, die Sonne brennt, der Durst ist zum Verzweifeln. Doch was dann passiert, ist viel schlimmer.

Brüllen, weinen, bluten

Ein weißes Haus steht hinter einer Kurve im Niemandsland. Die Bewohnerin bewirtet Henning. Sie zeigt ihm auch die schwarzen, runden Steine, die sie mit Mustern schmückt. Seine Mutter hat Tiere auf solche Steine gemalt. Das fällt ihm jetzt wieder ein. Er sieht die Mauer voll Spinnen. Den Schacht des Wasserspeichers. Die Schotterpiste ins Dorf. Und plötzlich weiß Henning, dass er an diesem Ort schon mal war und etwas Furchtbares erlebte. Er reagiert entsetzt und verstört. „Sein System steht kurz vor dem Not-Aus.“ Der Schacht, in den er damals beinahe gestürzt wäre, führt jetzt zum Sturz in die Erinnerung. Es ist ein bisschen viel Symbolik im Spiel in diesem Text.

Was dann folgt, ist ein Rückblick – und das Beste im Buch, ein intensives Stück Literatur. In gestochen scharfen Bildern inszeniert Juli Zeh eine Katastrophe; eine Katastrophe, die sich ins Unheimliche steigert. Der Blick zurück zeigt ein niedliches zweijähriges Mädchen und einen fünfjährigen Jungen, Luna und Henning. Die Geschwister sind mit den Eltern auf die Insel in den Urlaub geflogen. Eines Morgens sind die Eltern fort. Vielleicht kaufen sie Croissants im Dorf. Oder sie haben sich verfahren. Sie werden sicher bald zurück sein. Eine Weile lang kann Henning sich und Luna vertrösten. Irgendwann aber muss er etwas zu essen und zu trinken finden. Der Kleine muss Verantwortung übernehmen. Ein Tag vergeht, und noch einer und noch einer.

Die Autorin, die selbst zwei Kinder hat, stürzt die Geschwister in ein unvorstellbares Chaos. Gläser gehen zu Bruch, eine Orangensaftpackung zerplatzt, überall hinterlässt Luna ihre Häufchen und Pfützen. Wie soll der Bruder zurechtkommen mit den Windeln? Das Bett ist durchnässt und von Schokolade verklebt. Henning legt Handtücher darüber. Er wirft ein Würstchenglas auf den Küchenboden, um an den Inhalt zu kommen. Beide stürzen sich gierig darauf. Luna trinkt aus der Toilette. Er brüllt. Sie brüllt. Er weint. Sie weint. Er schubst sie. Sie fällt und blutet und schlägt sich zwei Vorderzähne aus.

Juli Zeh beschreibt den Horror in allen Einzelheiten – und wie er sich spiegelt im Inneren des Fünfjährigen. Dort ballt sich etwas zusammen aus Überlebensangst, Wut, Hass und Hilflosigkeit. Er ist völlig überfordert von der Situation. Schuldgefühle kommen hinzu. Der Kleine hatte die Mutter mit dem Gärtner des Anwesens auf dem Sofa gesehen und nicht verstanden, was sie taten. Er hatte den Vater zu Hilfe gerufen und dann den Streit der Eltern gehört.

All das hat er aus dem Bewusstsein verbannt. Oder hat er sich die Szenen nur ausgedacht? Wie zuverlässig ist die Erinnerung? Der Vater jedenfalls kommt dort nicht vor. Er habe ein neues Leben angefangen, behauptete die Mutter. Sie hat mit den Kindern nie darüber gesprochen, was damals auf Lanzarote passierte.

Damit liefert Juli Zeh die Erklärung, warum Henning als Erwachsener von Panikattacken heimgesucht wird, von Herzrasen und Atemnot, warum er sich immer noch als Beschützer der Schwester fühlt. Den Grund begreift er erst jetzt, Jahrzehnte später, in der Wiederbegegnung mit dem weißen Ferienhaus hinter der Kurve.

Zwischen Wahrheit und Täuschung

Bis dahin schien sein Leben denkbar normal auszusehen. Henning arbeitet als Lektor in einem linken Sachbuchverlag. Einmal betreute er ein Buch über das menschliche Gedächtnis. Frühe Erinnerungen, hieß es dort, beruhten in Wahrheit oft auf Erzählungen oder Fotos. Man könne solche Erinnerungen sogar erzeugen, „indem man erwachsenen Menschen manipulierte Bilder aus ihrer Vergangenheit zeige. Sie erinnerten sich dann an Dinge, die gar nicht stattgefunden haben.“

Eine Schriftstellerin wie Juli Zeh tut nichts anderes. Sie balanciert zwischen Wahrheit und Täuschung, setzt Spiegelungen gekonnt ein. 2001 debütierte sie mit dem Roman „Adler und Engel“. Sie hat beide juristische Staatsexamen absolviert, hat promoviert und am Literaturinstitut in Leipzig studiert. Inzwischen gehört sie zu den erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart und engagiert sich auch politisch. Die Auflage ihres Romans „Unterleuten“ erreicht fast die Million. Matti Geschonneck verfilmt die Geschichte um Zwistigkeiten in einem brandenburgischen Nachwendedorf als Dreiteiler fürs ZDF. Mit Charly Hübner, Thomas Thieme, Dagmar Manzel, Bjarne Mädel ist das Ensemble bestens besetzt.

Wie in diesem Roman, so platziert Juli Zeh auch im neuen Buch eine selbstbewusste, starke Frauenfigur. Diese Theresa ist in einer Agentur angestellt und mit Henning verheiratet. Sie führen eine moderne Mittelstandsehe in Göttingen mit zwei Kindern, einem Home-Office unterm Dach und den üblichen Krisen. Beide arbeiten halbtags und teilen sich in den Haushalt. Henning findet das alles in Ordnung, und trotzdem kommt er mit dem Rollenmuster nicht zurecht. Er findet keinen Platz für sich, seine Freunde, seine Interessen, fühlt sich oft überlastet, getrieben und fremdbestimmt.

Dieser Konflikt ist nicht neu in der aktuellen Literatur. Bei Juli Zeh wird er mehr klischeehaft behauptet als auserzählt, hier fehlt der überraschende Blick. So dünn dieser Teil des Buches wirkt, so stark wirkt der Blick zurück in die Kindheitskatastrophe auf Lanzarote.

Juli Zeh: Neujahr.

Luchterhand, 192 Seiten, 20 Euro

Hörbuchlesung von Florian Lukas. Der Hörverlag, 4 CD

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