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Montag, 12.03.2018

Selbst der Esel tanzt Spitze

Das Semperoper-Ballett bietet humorvolle Klassik und sinnliche Moderne ungemein stimmig. Das Publikum tobt.

Von Bernd Klempnow

Zwei völlig andere Welten vereint der neue Ballettabend der Semperoper gekonnt mit dem Handlungsstück „Sommernachtstraum“ und zeitlos schönem Tanz zur Vivaldis „Jahreszeiten“.
Zwei völlig andere Welten vereint der neue Ballettabend der Semperoper gekonnt mit dem Handlungsstück „Sommernachtstraum“ und zeitlos schönem Tanz zur Vivaldis „Jahreszeiten“.

© dpa

Das Publikum in Ballettpremieren ist, anders als in der Oper, selten objektiv. Offenbar fühlen die Tanzfreunde mit den Akteuren zu sehr mit – selbst bei lauen Produktionen. Auch am Sonnabend in der Semperoper gab es kein Halten. Schon bei der zweiten Verbeugung am Schluss sprangen die ersten auf. Die meisten im Saal folgten: Gut zehn Minuten stehende Ovationen – aber diesmal zu Recht.

Dabei bot das Ensemble eine gewagte Kombination mit extremen Polen: mit einem Klassiker von 1964 und einer Uraufführung. Da ist die Gefahr groß, die Klassikfans mit der Moderne zu verärgern, und die Moderne-Fans mit der Klassik zu langweilen. Doch diesmal dürften sich alle trefflich unterhalten haben. Alles stimmte: Starke Impulse kamen von der Staatskapelle im Graben, die Inszenierungen waren markant, die Ausstattungen eindrücklich und die Company – wie immer – begnadet gut trainiert. Es gibt nicht viele Truppen, die die akademische Spitzentechnik wie die temporeiche, flexible Gegenwartssprache so parallel und exzellent beherrschen wie die Dresdner.

Am Anfang der Klassiker. Der britische Altmeister Frederick Ashton schuf vor 54 Jahren eine nur einstündige, auf das Geschehen im Wald konzentrierte Fassung vom Shakespeare’schen „Sommernachtstraum“ zur für ihn neu arrangierten Schauspielmusik Mendelssohns. Er choreografierte reizvoll-dekorative Rahmenbilder für die Feen-Formationen und noble Pas de deux für Oberon und Titania. Er ließ den chaosstiftenden Spaßmacher Puck nur so über die Bühne toben und fand auch für die liebestollen Akteure humorvolle, teils so noch nicht erlebte Aktionen. Selbst die damals noch übliche, traditionelle Pantomime war dezent und stückdienlich gut interpretiert. Und mit dem Auftritt des in einen Esel verwandelten Handwerkers Zettel baute Ashton ein pittoreskes Kabinettstückchen. Sein Esel entdeckt, dass er mit den Hufen cool auf Spitze zu tanzen vermag, womit er die verzauberte Titania noch mehr beeindrucken kann. Alejandro Martinez verkörperte diesen eitlen Hohlkopf mit so viel Witz und Charme, sorgte für Lacher und bekam Szenenapplaus.

Im zweiten Teil eine völlig andere Welt. David Dawson, von 2006 bis 2009 Haus-choreograf der Semperoper, inszenierte ein sinfonisches Kaleidoskop zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Er wählte allerdings die 2012 umkomponierte Fassung von Max Richter. Die erhält eigene Faszination dadurch, dass der Tondichter sie teils elektronisch verfremdet und damit die relativ starre Struktur dieses Hits auflockert. So kann man diesem omnipräsenten Vivaldi aufregende Seiten abgewinnen, was Daniel Hope an der Solovioline grandios tat.

Nur war die Frage, ob Dawson eine Deutung findet, die der Wucht der Musik entspricht? Es gelang ihm mit suggestiven Bildern auf leerer Bühne, die von geometrischen Figuren wie Kreis und Dreieck geprägt wurde. Das überraschte schon, denn der heute 46-Jährige war nach seiner Tänzerzeit 2002 als die große Choreografen-Hoffnung gehandelt worden. Damit war er lange überfordert, hat aber in den vergangenen Jahren eine unverwechselbare Ästhetik entwickelt. Die führte er jetzt in den „Jahreszeiten“ zur Vollendung. Es war seine zwölfte und beste Zusammenarbeit mit den Dresdnern, die ihm bedingungslos folgten.

Sein eigentlich nicht allzu großes Vokabular bestach trotz aller Kraft und Schnelligkeit mit ganz weichen, fließenden Linien von androgyner Sinnlichkeit. Die Arme wurden oft wie Schwingen geführt. Er wiederholte gekonnt, variierte schön und teils überraschend, zauberte mit der Company Stimmungen von großem, zeitlosem Schauwert. Wer das verpasst, verpasst viel.

Wieder am 12., 14., 17. und 19. März: Kartentel. 0351 4911705

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