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Montag, 13.08.2018

Schönheit und Abgrund

Schiele, Klimt, Wagner und Moser: Wien feiert in diesem Jahr die Moderne. Anlass ist der 100. Todestag von vier ihrer wichtigsten Künstler.

Von Thomas Morgenroth

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Das 2012 eröffnete Hotel Topazz (oben) zitiert Entwürfe der Wiener Werkstätte. Die goldene Kuppel der Secession wurde dieses Jahr restauriert.Fotos: Thomas Morgenroth (2)
Das 2012 eröffnete Hotel Topazz (oben) zitiert Entwürfe der Wiener Werkstätte. Die goldene Kuppel der Secession wurde dieses Jahr restauriert.Fotos: Thomas Morgenroth (2)

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1910 malte sich Egon Schiele als dämonenhaften Schmerzensmann, schonungslos Körper und Seele offenbarend. Das Gemälde mit dem Titel „Sitzender Akt“ ist ein Höhepunkt der weltgrößten Schiele-Sammlung im Wiener Leopold-Museum.  Foto: Leopold-Museum
1910 malte sich Egon Schiele als dämonenhaften Schmerzensmann, schonungslos Körper und Seele offenbarend. Das Gemälde mit dem Titel „Sitzender Akt“ ist ein Höhepunkt der weltgrößten Schiele-Sammlung im Wiener Leopold-Museum. Foto: Leopold-Museum

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Egon Schiele allein im Leopold-Museum zu treffen, ist nahezu unmöglich. Im Sekundentakt stellen sich Mädchen und Frauen, aber auch Männer und Paare für ein Selfie vor oder neben Wiens berühmtesten nackten Mann. Sie lächeln ihren Smartphones zu, was so gar nicht zum Gemütszustand des entblößten Herren passt. Aber Kunst ist sexy, erst recht, wenn sie unverkäuflich ist. 1910 malte sich Schiele, damals gerade zwanzig Jahre alt, dämonenhaft mit glutroten Augen und amputierten Füßen in Lebensgröße. Ein Schmerzensmann in aggressiver Abwehrhaltung, nichts verbergend als allein seinen Mund, den er in seinen rechten Oberarm presst, als würde er einen Schrei unterdrücken.

Das Gemälde ist vielleicht das radikalste Werk des Wiener Künstlers, der in seiner Darstellung von Erotik und Sexualität von einer tabulosen Neugier und einem schonungslosen Exhibitionismus getrieben wurde. Neben jungen Frauen war er selbst sein am häufigsten gemaltes und gezeichnetes Modell, das er in gleichwohl ekstatischen wie verletzlichen Posen zu inszenieren wusste. Schiele arbeitete im Grunde bereits expressionistisch, blieb aber dem Wiener Jugendstil verbunden. Er brach zwar mit dessen Eleganz, ohne jedoch die Feinheit der Liniengestaltung und die farbliche Opulenz aufzugeben.

Egon Schiele, der zu Lebzeiten um Anerkennung ringen und gegen Anfeindungen kämpfen musste, ist heute vor allem bei einem sehr jungen Publikum populär. Neben den gerade hochaktuellen Themen wie Körper und Sexualität, die er in seinen Bildern hinterfragte, liegt es vielleicht auch daran, dass alle seine Werke von einem Künstler stammen, der nicht älter als 28 Jahre wurde. Egon Schiele, am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau geboren, starb am 31. Oktober 1918 im Wiener Stadtbezirk Alt-Hietzing an der Spanischen Grippe. Besonders bitter: Nur drei Tage vorher hatte die heimtückische Krankheit bereits seine Frau Edith dahingerafft – sie war im sechsten Monat schwanger.

Schon im Februar 1918 hatte Schiele seinen Freund und Förderer Gustav Klimt, geboren 1862, zu Grabe tragen müssen. Klimt ist „Der Kuss“: Seine unter anatomischen Gesichtspunkten vollkommen verquaste Darstellung eines Liebespaares gehört zu den weltweit am meisten reproduzierten und für allerlei Schnickschnack missbrauchten Kunstwerken. Das quadratische Gemälde aus dem Jahre 1908, das im Belvedere in Wien dauerhaft ausgestellt ist, hat durch die Goldfarben und der beiden dem Diesseits entrückten Menschen eine geradezu religiöse Wirkung – und das ist große Kunst, Anatomie hin oder her.

1918 starben zudem der Architekt und Visionär Otto Wagner, berühmt für seine Stadtbahnpavillons und Jugendstilfassaden wie dem Majolikahaus, und der Universalkünstler und Gründer der Wiener Werkstätte, Koloman Moser. Mit Klimt und Schiele prägten Wagner und Moser das Wien zwischen 1890 und dem Ende des Ersten Weltkrieges nachhaltig. Aber auch Psychologen wie Sigmund Freud, Komponisten wie Arnold Schönberg oder Literaten wie Arthur Schnitzler brachen die verkrustete habsburgische Doppelmonarchie auf, die zwischen Schönheit und Abgrund schwankte – und schließlich unterging.

Das gemeinsame hundertste Todesjahr von vier ihrer wichtigsten Protagonisten nimmt die Stadt nun zum Anlass, um 2018 diese Kunst- und Kulturepoche zu feiern, die Wiener Moderne. Ausstellungen in allen großen Museen und Galerien widmen sich vor allem Schiele, Klimt, Wagner und Moser, aber auch dem Philosophen Ludwig Wittgenstein, dem Komponisten Gustav Mahler, der Avantgarde des Theaters oder der Salonkultur des alten Wien.

Ein Höhepunkt wird die Wiedereröffnung des umfangreich sanierten Secessions-Gebäudes mit Klimts Beethoven-Fries Anfang September sein. Gebaut 1898 nach Entwürfen des Architekten Joseph Maria Olbrich, damals Mitarbeiter im Atelier von Otto Wagner, gehört das Haus mit seiner goldenen Kuppel, im Volksmund liebevoll „Krauthappel“, also „Kohlkopf“ genannt, zu den Wahrzeichen Wiens – und schmückt die Rückseite der österreichischen 50-Cent-Münze. Mehr als sechs Monate lang fehlte der Zierrat auf dem Dach. Neben Reparaturen an der Stützkonstruktion erfolgte eine Neubeschichtung und Vergoldung aller 2 500 Blätter und 311 Beeren – finanziert vor allem durch Spenden.

Die Wiener Moderne, die rein kunsthistorisch 1938 mit dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland endete, wirkt bis in die Gegenwart nach. Der Glas- und Beleuchtungshersteller Lobmeyr zum Beispiel hat noch immer Trinkgläser von Josef Hoffmann im Programm, die einst in der Wiener Werkstätte entstanden. Auch die Porzellanmanufaktur Augarten realisiert bis heute Entwürfe von Hoffmann.

In dem erst 2012 eröffneten Design-Hotel Topazz mit seinen markanten ovalen Fenstern und der schwarz gekachelten Fassade wird das künstlerische Erbe des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf besonders edle Weise mit Leben erfüllt. Kaum 200 Meter vom Stephansdom entfernt, punktet das achtstöckige Haus, das nur 32 Zimmer hat, mit einer Einrichtung, die Entwürfe von Koloman Moser und Dagobert Peche zitiert. Vom Topazz aus sind rund 60 Museen Wiens fußläufig erreichbar, auch bis zum Museumsquartier und zum Selfie mit dem Schmerzensmann Schiele sind es keine dreißig Minuten.

Die Museen der Stadt Wien zeigen bis in das Jahr 2019 hinein Sonderausstellungen zur Wiener Moderne.

www.wien.info

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