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Montag, 17.09.2018

Roboter morden nicht

Der Berliner „Tatort“ trifft einen Großstadt-Eremiten und blickt in ein Monsterkabinett.

Von Rainer Kasselt

Meret Becker und Mark Waschke als Berliner „Tatort“-Ermittler reden und arbeiten wie immer aneinander vorbei.
Meret Becker und Mark Waschke als Berliner „Tatort“-Ermittler reden und arbeiten wie immer aneinander vorbei.

© ARD

Das hat es im „Tatort“ noch nicht gegeben. Die Opfer sterben nicht durch Menschenhand. Ein Mann wird von einem Roboter erstochen. Mitten auf dem Berliner Kurfürstendamm. Eine Joggerin wird von einem Wildschwein umgerammt. Mitten im schönen Grunewald. Roboter und Keiler als Mörder? Wer glaubt denn so was? Kommissarin Rubin und ihr Kollege Karow jedenfalls nicht. Sie machen sich in ihrem achten Fall an die Arbeit.

Der Tatort „Tiere der Großstadt“ erzählt von einsamen Menschen in der Metropole. Ein wunderlicher Alter sitzt am Fenster seiner Wohnung, beobachtet fremdes Leben und erinnert sich schamvoll an früheres Versagen. Berührend, wie der knapp neunzigjährige Horst Westphal diesen Großstadt-Eremiten spielt. Nicht minder beeindruckend Valery Tscheplanowa, Schauspielerin des Jahres 2017, die als Geschäftsfrau auch ihre Gefühle kontrolliert, nur für ihre Katzen lebt und mit kaltem Kalkül den untreuen Gatten mithilfe des Roboters ins Jenseits jagt. Weniger absichtsvoll, aber mit tödlicher Konsequenz handelt ein seltsam verschwiegener Bäcker, der den Tod seines einzigen Kindes nicht verwindet. Er lebt ganz im Gestern und lässt seine joggende Frau verbluten, weil sie dem Gefängnis der Vergangenheit entfliehen und ihn verlassen will. Die preisgekrönte Autorin Beate Langmaack deutet die Angst der Menschen „vor der zerstörerischen Wucht der Natur“ an, benennt Ängste vor einer Zukunft mit immer perfekteren Maschinen. Aber sie weiß, „der Mensch an sich ändert sich nicht“. Der atmosphärisch dichte und visuell herausragende Film wurde im winterlichen Berlin gedreht.

Regisseur Roland Suso Richter fängt mit gleißenden Bildern und hämmerndem Sound das Tempo der Großstadt ein. Skurrile Orte wie das Monsterkabinett einer Geisterbahn und das Porträt einer fröhlichen Bloggerin, die im Schnee zeltet und Pflanzengrüße vom „Heiligen Wesen“ ausrichtet, passen zur Aura dieses Krimis, der sich zum düsteren Gesellschaftsbild weitet.

Meret Becker und Mark Waschke als Ermittlerpaar reden und arbeiten wie gewöhnlich aneinander vorbei. Waschke mimt den einsamen Wolf, der seine Mitarbeiter schnell zur Schnecke macht, wenn sie sich nicht sputen. Andererseits reagiert er überraschend feinfühlig. Ein kantiger Charakter mit einem Geheimnis. Meret Becker wirkt als Nina Rubin immer ein wenig traurig und abgespannt, als Ermittlerin verbeißt sie sich in den Fall. Verwundert berichtet sie Karow, dass ihr Sohn zur Polizei will. „Ich find’s scheiße“, sagt sie. „Ich weiß gar nicht, warum.“

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