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Samstag, 14.07.2018

Musizieren in Hosen

Von Christina Horsten

Ann Giacobassi spielte mit ihrem Englischhorn im Ensemble der San Francisco Symphony die zweite Sinfonie von Gustav Mahler, als sich eine der Tasten ihres Instruments in den Falten ihres Rocks verfing. „Ich dachte: Oh nein, das war es jetzt“, so die Musikerin. Es ging jedoch gut, und sie nach dem Konzert einen Frack kaufen, wie ihn die Kollegen trugen. Damals in den 80er-Jahren war das ungewöhnlich, heute ist es fest in der Kleiderordnung ihres Orchesters in San Francisco verankert: Frauen dürfen schwarze Kleider, lange Röcke, Hosenanzüge oder auch Fräcke tragen.

Bei deutschen Orchestern wie der Dresdner Philharmonie wird das auch so gehandhabt. Der Dresscode der Sächsischen Staatskapelle etwa lautet: schwarze festliche Kleidung mit langem Arm beziehungsweise Frack, schwarze Schuhe. Es kann zwischen langem Kleid, Kombination Hose/Rock mit Bluse oder anderem „festlichen“ Oberteil gewählt werden. Das Thema der Kleiderordnung komme „immer wieder hoch“, sagt der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung, Gerald Mertens. Im Flächentarifvertrag, der für rund 100 der 129 deutschen Berufsorchester gelte, seien Hosen ausdrücklich erlaubt. Das Thema werde in Deutschland vielmehr in die Richtung diskutiert, wie festliche Kleidung heutzutage aussehen könne.

Ganz anders ist es bei den New Yorker Philharmonikern. Sie sind das letzte der rund 20 großen Orchester in den USA, in dem die Musikerinnen bei festlichen Konzerten keine Hosen tragen dürfen. Nur bei Konzerten tagsüber, in Parks oder für junge Zuschauer werden Ausnahmen zugelassen. „Die Frauen unter den Philharmonikern können alles spielen“, titelte die „New York Times“ jüngst. „Nur nicht in Hosen.“ Dagegen formiert sich nun Widerstand. Das Orchester besteht aus 50 Musikern und 44 Musikerinnen. Präsidentin ist seit dem vergangenen Jahr Deborah Borda, die zuvor die Philharmonie in Los Angeles geleitet hatte. Auch dort sind den Musikerinnen offiziell erst seit dem vergangenen Jahr Hosenanzüge oder schicke Hosen für Konzerte erlaubt. Kurz nach Bordas Amtsantritt in New York gingen dann einige Musikerinnen auf sie zu – mit dem Wunsch nach Gleichberechtigung in der Kleiderordnung. „Bei vielen Instrumenten ist es schlicht hinderlich, in Rock oder Kleid zu spielen“, sagt die 31-jährige Hornspielerin Leelanee Sterrett. „Außerdem wollen wir eine größere Aussage dazu, was es bedeutet, gut angezogen zu sein.“ Bislang sei es ein „sehr guter Dialog“ gewesen, sagt Präsidentin Borda. Aber es sei nicht einfach, einen Kompromiss zu finden, denn der Geschmack der reichen Stammgäste und Spender sei eher konservativ. „Viele Orchester haben sich an schicker Kleidung für Männer und Frauen versucht. Das war nicht immer erfolgreich.“ (dpa/SZ/bkl)

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