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Samstag, 11.08.2018

„Man fühlt sich Deutschland aufs Tiefste verbunden“

Christopher von Deylen gab mit seinem Musikprojekt Schiller als erster Popmusiker seit 1979 Konzerte im Iran.

Christopher von Deylen gründete 1998 das Global-Pop- und Ambient-Musikprojekt Schiller. Mit dem Album „Weltreise“ gelang ihm 2001 der Durchbruch. Es hielt sich über vier Wochen auf Platz eins der Deutschen Albumcharts. Schiller ist gut vernetzt in der Welt und liebt ungewöhnliche Projekte.
Christopher von Deylen gründete 1998 das Global-Pop- und Ambient-Musikprojekt Schiller. Mit dem Album „Weltreise“ gelang ihm 2001 der Durchbruch. Es hielt sich über vier Wochen auf Platz eins der Deutschen Albumcharts. Schiller ist gut vernetzt in der Welt und liebt ungewöhnliche Projekte.

© picture alliance / dpa

Als er sieben war, fing Christopher von Deylen an, Klavier zu spielen. Nach dem Abi studierte er Kulturwissenschaften und arbeitete in Tonstudios, wo er die Klangbastelei von Grund auf lernte. 1998 gründete er sein Musikprojekt Schiller, mit dem er seither erfolgreich elektronische Popmusik fabriziert. Von seinen neun Alben schafften es fünf auf Platz eins der Charts. Für seine Musik holte sich von Deylen Inspirationen in der Arktis, in der Mojave-Wüste und jüngst bei Konzerten im Iran.

Herr von Deylen, der Iran ist auf der Popweltkarte kaum präsent. Liveauftritte westlicher Popmusiker sind in dem islamischen Land praktisch tabu. Wie kam es zu den Konzerten?

Insgesamt habe ich acht Konzerte gegeben, fünf im Dezember und drei im März. Die Auftritte fanden in der Teheraner Keshvar Big Hall vor jeweils 3 000 Zuschauern statt und waren alle ausverkauft. Jeder Abend war unvergesslich. In den letzten zehn Jahren hatte ich mich oft gewundert, warum auf meinen Instagram- und Facebook-Accounts immer wieder Kommentare gepostet wurden: „Please come to Iran“ oder „Iran loves you“. Ich habe das erfreut zur Kenntnis genommen, konnte aber nicht ahnen, ob es wirklich ein größeres Publikum gibt. Parallel dazu wurde ich 2014 von einem iranischen Veranstalter gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein Konzert in Teheran zu spielen. Natürlich hatte ich sofort große Lust, weil ich ungewöhnliche Projekte in einem fremden Kulturkreis spannend finde. Da wird man neugierig, zumal ich den Iran aus früheren Reisen in besonderer Erinnerung hatte.

Hat Sie das Interesse für Ihre Person und Ihre Musik nicht erstaunt?

Ja, sehr. Das Finden von Konzertterminen und die Genehmigungen vor Ort haben sich zwar immer wieder verzögert, und zwischenzeitlich ist die Sache auch ganz im Sande verlaufen, aber im Spätsommer 2017 kam dann die ultimative Zusage.

Von einem privaten Veranstalter?

Ja. Die Konzertagentur, die uns engagiert hat, veranstaltet üblicherweise vor allem Konzerte mit iranischen Künstlern. Aber offenbar hatte sie sich auf die Fahnen geschrieben, seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 die Erste zu sein, der es gelingt, jemandem aus dem Westen einen Liveauftritt im Iran zu ermöglichen. Dass dem so ist, habe ich allerdings erst erfahren, als ich schon in Teheran war. Das hat die Situation noch emotionaler gemacht.

Gibt es im Iran, wo westliche Popmusik mit Gesang angeblich verboten ist, Schiller-Musik auf Tonträgern?

Ja, es gibt CDs. Jedoch weiß ich nicht genau, wie sie ihren Weg dorthin gefunden haben, denn es handelt sich um Alben mit vollkommen anderen Covern und Titelzusammenstellungen. Da meines Wissens offiziell keine Schiller-CDs in den Iran exportiert wurden, nehme ich stark an, dass man sich dort mit einem gerüttelt Maß Gewieftheit selbst zu helfen wusste.

Immerhin gibt es ja im Iran Internet.

Stimmt, und das ist dort bezüglich gewisser Inhalte überraschenderweise zugänglicher als in China. Jedenfalls erzählten mir viele Fans, dass sie seit über zehn Jahren fast ausschließlich Schiller hören. Noch erstaunlicher und für mich ungewohnt war, dass ich während meiner Aufenthalte in Teheran regelmäßig auf der Straße angesprochen wurde.

Hat Sie das Erlebte inspiriert?

Auf jeden Fall. Ich habe direkt vor Ort ein Stück komponiert, welches im März in Teheran seine Premiere erlebte: „Berlin Teheran“. Ich habe in der Vergangenheit schon einige musikalische Reisevignetten komponiert, zum Beispiel „Berlin Bombay“ und „Berlin Moskau“. Während meiner Zeit in Teheran hatte ich das Gefühl, dem eine weitere Vision hinzufügen zu wollen. So „Berlin Teheran“ entstanden. Ich habe versucht, die Energie dieser beiden Orte mit Harmonien und vor allen Dingen auch in Rhythmen auszudrücken.

Wie war das Interesse seitens der iranischen Medien?

Beachtlich. Es gab zwei große Pressekonferenzen, zudem musste ich immer wieder Interviews geben.

Wurden Sie auch zu politischen Themen befragt, zumal sich der Konflikt um das inzwischen von den USA gekündigte Atomabkommen bereits zugespitzt hatte?

Politik war zu keinem Zeitpunkt ein Thema, auch nicht in privaten Gesprächen. Die Musik stand im Vordergrund, und die Menschen haben es sichtlich genossen, während der Konzerte für zwei Stunden in eine gemeinsame Gefühlswelt einzutauchen. Das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Wie eng war der Kontakt zu Ihren Fans?

Die Gespräche mit den Konzertbesuchern, meist zwischen 20 und 30 Jahre alt, Männer und Frauen, waren teilweise sehr emotional. Ich konnte intensiv spüren, was meine Klänge mit den Menschen machen. Sie haben sich offenherzig artikuliert, wie tief sie die Musik bewegt. Das fand ich bemerkenswert, weil man das aus anderen Teilen der Welt in dieser ungefilterten Offenheit nicht unbedingt kennt. Auffallend oft habe ich Teenager getroffen, die Goethe und Schiller gelesen haben, aus freien Stücken und nicht, weil es in der Schule verlangt wird. Man ist wahnsinnig gastfreundlich und aufgeschlossen, und ich fühlte mich willkommen. Viele Iraner sprechen fließend deutsch, englisch sowieso. Sie fühlen sich Deutschland und den Deutschen seit jeher aufs Tiefste verbunden.

Gibt es eine große Sehnsucht nach westlicher Musik?

Ich möchte keineswegs altklug erscheinen, denn ich habe ja wirklich nur einen kleinen Ausschnitt des Iran erlebt, allerdings einen sehr intensiven. Mein Eindruck aus den vielen Begegnungen ist, dass gerade die jungen Iraner nicht unbedingt eine bedingungslose Simulation des westlichen „Way of Life“ herbeisehnen. Man ist stolz auf die eigene Kultur und deren Ursprung. Man schaut gleichwohl sehr interessiert und zugewandt auf andere Teile der Welt. Ich habe jedoch nicht das Gefühl, dass man es kaum abwarten kann, dass Teheran möglichst bald aussieht wie Las Vegas oder man im Fernsehen von nicht enden wollenden Trash-TV-Tiraden traktiert wird. Aber das ist, mit Verlaub, nur meine subjektive Wahrnehmung.

Wie reagierte das Publikum auf Ihre Musik im Konzert?

Als Erstes war ich überrascht, wie euphorisch gerade die energetischen Passagen aufgenommen wurden. Dabei hatte ich noch vor den ersten Konzerten gedacht, dass einige Stücke vielleicht zu energiegeladen wären. Insgesamt war die Reaktion auf die Musik sehr direkt und authentisch. Immer wieder gab es Szenenapplaus und Jubel an Stellen, an denen ich es im ersten Moment nicht gleich nachvollziehen konnte. Es wird nicht etwa bis zum Ende des Stücks gewartet, um sich dann zu artikulieren, sondern es gibt wirklich Applaus für einzelne Takte oder Sequenzen. Beim ersten Konzert war das noch relativ verwirrend. Danach versuchte ich, die Zuhörer zu „lesen“ und zu lernen, warum sie ohne Umschweife auf bestimmte Klänge und Passagen reagierten.

Wurden die Konzerte mitgeschnitten?

Das wurde gemacht, und wir überlegen gerade, ob und wie es veröffentlicht werden kann. Außerdem arbeite ich an meinem neuen Album. Die beiden Reisen kamen mir da sehr gelegen, um über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Was daraus für das Album entsteht, weiß ich noch nicht. Es sind glücklicherweise weitere Konzerte geplant.

Könnte die verschärfte politische Situation im Iran weitere Auftritte von Ihnen dort beeinträchtigen?

Natürlich verfolge ich die aktuelle Situation intensiv. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die politischen Geschehnisse Auswirkungen auf meine musikalischen Aktivitäten im Iran haben. Am Ende geht es ja darum, Musik für die Menschen vor Ort zu machen. Dabei sollte man sich von der allgemeinen Großwetterlage nicht einschüchtern lassen. Zurzeit hat es nicht den Anschein, als ob man das im Iran grundlegend anders sähe.

Würden Sie iranische Musiker nach Deutschland einladen?

Dazu hätte ich große Lust.

Das Interview führte Gunnar Leue.

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