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Montag, 10.09.2018

Mainzelmännchens Wunschparade

Von Rainer Kasselt

Die lebensgroßen ZDF-Mainzelmännchen plustern sich auf. Endlich dürfen sie auch mal TV-Chefs spielen, nicht nur diese superlustigen Reklametoffel. Als Programmdirektoren beschließen sie: Die Serie zur Einheit muss her. Schluss mit dem ewigen Ossi-Wessi-Knatsch. Eine durchschnittliche Ostberliner Familie soll in ihrem Alltag gezeigt werden. Authentisch, praktisch, lebensnah. Der prominente West-Autor Steinheim erhält den Auftrag für die Serie. Allerdings hat er vom Osten null Ahnung, „war noch nie in Sachsen, Thüringen oder wie das alles heißt“.

Die ARD strahlte 1994 die satirische Serie „Wir sind auch nur ein Volk“ von Jurek Becker aus. Das Staatsschauspiel Dresden nutzt die ungebrochene Aktualität des Stoffes für eine Bearbeitung. Viele Ostler fühlen sich bekanntlich immer noch als Bürger zweiter Klasse. Dramaturgin Kerstin Behrens und Regisseur Tom Kühnel erweitern Beckers Vorlage und stellen eine originelle, politisch zugespitzte Fassung her. Die Uraufführung im Kleinen Haus wurde am Sonnabend vom Publikum begeistert aufgenommen. Die Bühne von Maria-Alice Bahra wird mehrfach umgebaut, ist Wohnzimmer, Fernsehstudio, Videowand.

Um Autor Steinheim auf die Sprünge zu helfen, wird ihm eine typische Familie aus dem Prenzlauer Berg als Studienobjekt zugeteilt. Thomas Eisen, in Maske und Kostüm an Peter Handke erinnernd, spielt ihn mit gehörigem Skrupel. Er fühlt sich in der Rolle des Beobachters unwohl, möchte mehrmals hinschmeißen. Doch dazu kommt es nicht. Familienoberhaupt Benno Grimm, 56, arbeitsloser Dispatcher, hält mit grimmigem Humor den Laden zusammen. Seine selbstbewusste Frau Trude, 48, hat als unbelastete Lehrerin, „was immer das bedeutet“, die Entlassungswelle überstanden und vermittelt zwischen den Streithähnen.

FKK-Tag in der heimischen Stube

Objekt des Anstoßes ist Trudes schrulliger Vater Karl, 78. Im ausgebeulten Trainingsanzug des NVA-Sportvereins verlangt er seinen Kaffee. Als Rentner hat er vom Westen keine Illusionen, ist von der Einheit „nicht so enttäuscht wie diese Trottel“. Sohn Theo Grimm, 27, langhaariger abgebrochener Philosophiestudent, weiß mit dem Leben nichts anzufangen. Es widert ihn an, für die Fernsehserie den Affen zu machen. Die Grimms gaukeln dem Autor ein Dasein vor, das den Klischee-Vorstellungen entspricht. Streiten sich bis aufs Blut, schlürfen ungenießbare Suppen, hängen vor der Glotze, summen DDR-Schlager, kippen Pfefferminzlikör, entblößen sich am FKK-Tag in der heimischen Stube und engagieren einen arbeitslosen Schauspieler, der einen Stasi-IM markiert. So weit, so amüsant.

Dann kippt die Szene. Die Aufführung blendet in die Wirklichkeit nach der Wende mit Währungsreform, Treuhand, Abwicklung von Menschen. Originaleinspiele von Kohl, Kinkel & Co. aus jener Zeit werden von den Dresdner Schauspielern lippensynchron imitiert, großartig.

Erich Honeckers Verteidigung

Später tritt Viktor Tremmel an die Rampe. Mit leiser Stimme trägt er längere Passagen aus Erich Honeckers Verteidigungsrede im Berliner Landgericht Moabit vor. Honecker war im November 1992 wegen der Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze angeklagt worden. Er nennt den Prozess ein „Politschauspiel“, sieht ihn als „Fortsetzung des Kalten Krieges“ und weist die Stigmatisierung der DDR als „Unrechtsstaat“ zurück. Wenige Zuschauer klatschen, es gibt ein lautes, einzelnes Buh. Die Hereinnahme der Honecker-Erklärung ist eine mutige Entscheidung des Inszenierungsteams, sie wird das Publikum spalten, zur Diskussion herausfordern.

Die Aufführung streichelt die Ost-Seele, fügt Comedy-Elemente wie die Mainzelmännchen hinzu und brilliert mit einer Szene aus Schillers „Maria Stuart“, die den Kampf der beiden Königinnen als Kampf zwischen Ost und West zeigt. Die Inszenierung lebt von den wortwitzigen Dialogen Jurek Beckers und dem gut besetzten Ensemble. Die Darsteller leisten Schwerstarbeit, schlüpfen in mehrere Rollen. Herausragend Nadja Stübiger als Trude Grimm in ihrer bisher besten Dresdner Arbeit und Thomas Neuman als rüstiger Rentner mit dem Schalk im Nacken. Holger Hübner als Chef der Familie kämpft lautstark ums TV-Honorar, poltert und grantelt. Der gut dreistündige Abend verträgt einige Striche, strapaziert die Geduld der Zuschauer mit überlangen Video-Einspielen, versöhnt mit verblüffenden Wendungen und regt zum Nachdenken über Gelungenes und Misslungenes der deutschen Einheit an. Der Satz des Abends lautet: „Die Stimmung im Osten hält sich in Grenzen.“

Wieder am 11., 14., 26. 9. sowie am 12. und 28. 10. im

Kleines Haus Dresden; Kartentel. 0351 4913555

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