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Montag, 12.03.2018 Der Krimi am Sonntag

Letzter Ausweg Suizid

Der mutige Bremer „Tatort“ zeigt ungeschminkt Qual und Leid der häuslichen Pflege.

Von Rainer Kasselt

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Dass Horst Claasen (Dieter Schaad) seine pflegebedürftige Frau aus Verzweiflung getötet hat, bewegt Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) sehr.
Dass Horst Claasen (Dieter Schaad) seine pflegebedürftige Frau aus Verzweiflung getötet hat, bewegt Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) sehr.

© Radio Bremen/Christine Schrv

Der „Tatort: Im toten Winkel“ ist der Film zum Amtsantritt des künftigen Gesundheitsministers Jens Spahn. Mutiger, ehrlicher und erschreckender können die Zustände in der häuslichen Pflege nicht ins Bild gerückt werden. Knapp drei Millionen Menschen, „das sind drei Viertel aller Pflegefälle in Deutschland, werden zu Hause von ihren Angehörigen versorgt“. So Drehbuchautorin Katrin Bühlig. Eine Belastung, die bei den meisten Familienmitgliedern zu permanenter Überforderung führt.

„Wann stirbst du endlich, Mama“, schluchzt verzweifelt im Film eine Tochter, die seit vier Jahren ihre demenzkranke Mutter betreut. Der 85-jährige Rentner Claasen erstickt mit einem Kissen unter Tränen seine bettlägerige Frau. Danach will er sein Leben beenden, schluckt Tabletten, und ruft die Polizei an. „Können Sie bitte am Abend vorbeikommen und uns aus der Wohnung holen? Wir haben hier keinen Aufzug. Das sollten Sie wissen, wegen der Särge.“ Claasen sieht im gemeinsamen Suizid die letzte Möglichkeit für einen würdevollen Tod. Dem Seniorenpaar fehlen die Mittel zum Weiterleben. Die teuren Medikamente haben alle Ersparnisse aufgebraucht.

Claasen wird gegen seinen Willen gerettet, steht nun unter Mordverdacht. Kommissarin Inga Lürsen spricht leise mit ihm, voller Mitgefühl. Sie will herausfinden, was ihn zu dem traurigen Entschluss bewogen hat. Fassungslos sagt sie zu ihren Kollegen: „Er hat sich sein Leben nicht mehr leisten können. Das muss man sich mal vorstellen.“ Sabine Postel spielt die Figur überzeugend: sensibel, zärtlich, wütend. Zwischen der Kommissarin und dem Rentner entsteht eine teilnehmende Beziehung.

Neben dem Schicksal der Familie Claasen werden andere, nicht minder schwere Fälle von häuslichem Pflegenotstand gezeigt. Bilder, die einen frösteln lassen. Der „Tatort“ prangert jene schändlichen Pflegedienste an, die durch vorgetäuschte Leistungen ein profitables Geschäft betreiben.

Regisseur Philip Koch inszeniert den stark besetzten Film puristisch und ungeschönt. Überragend Doerte Lyssewski als ratlos deprimierte Tochter. Man kann dem „Tatort“ eine gewisse Überfrachtung vorhalten, der Mord am korrupten Gutachter wirkt aufgesetzt. Der Einwand erscheint jedoch kleinkariert. Dieser Krimi, der eher ein Drama ist, lässt ein Millionenpublikum in einen wenig beachteten Winkel der Gesellschaft blicken, der dringend einer Veränderung bedarf. Herr Spahn, übernehmen Sie!

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 10 Kommentare

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  1. Andreas

    Fraglich ist jedoch ob sich irgendein Politiker diesen sehr realistischen Film angesehen hat? Vielleicht sollte der mal auf einer Großleinwand im Bundestag abgespielt werden?

  2. Frank

    Ja, aber dann mit Anwesenheitspflicht bis zum Ende und Veröffentlichung der fehlenden Abgeordneten.

  3. Karl-Heinz Kuch

    Es ist ein Jammer das es im reichen Deutschland so etwas noch gibt. Statt den Politikern hohe Diäten zu zahlen , sollte man es lieber den Rentnern zukommen lassen.

  4. Uwe

    Ich glaube nicht dass einer von unseren Politikern diesen Film gesehen hat und wenn dann interessiert sie das eh nicht. Schlimm schlimm.

  5. Leser

    Mir scheint, die extremen Probleme gibt es auch durch die Einführung der Pflegeversicherung. Es wird zuviel zwischen dieser und der Krankenkasse hin und her geschoben.

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