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Dienstag, 12.06.2018

Kein Artenschutz für „Deutsche Kultur“

Es gibt kein Zurück: Isolde Charim schreibt über den Trend zu Führerdemokratie, die pluralisierte Gesellschaft und wie sie uns alle verändert.

Von Nikta Vahid

Isolde Charim sprach bei der Verleihung des Österreichischer Filmpreises-
Isolde Charim sprach bei der Verleihung des Österreichischer Filmpreises-

© Manfred Werner

In manchen Ohren dürfte das wie eine Drohung klingen: „Wir leben in einer pluralisierten Gesellschaft. Einen Weg zurück gibt es nicht.“ Diese Aussage prangt auf dem Buchrücken von Isolde Charims „Ich und die anderen“. Die Philosophin, Publizistin und taz-Kolumnistin droht nicht, ganz im Gegenteil. Sie warnt. Sie hinterfragt, was das überhaupt sei, eine pluralisierte Gesellschaft. Sie versucht zu ergründen, was dieser so abstrakte Begriff für den Einzelnen und die Gesellschaft überhaupt bedeutet.

Die vorgehenden homogenen, einheitlichen Gesellschaftsformen, sagt Charim, seien eine Illusion gewesen. Eine Fiktion, die nur deshalb existieren konnte, weil die Menschen daran geglaubt haben. Diese Fiktion existiere nicht mehr. Dem fügt sie einen aus heutiger Sicht ebenso erschreckenden wie amüsanten Blick auf ein Ritual der USA im 19. Jahrhundert an: „Bei ihrer Ankunft mussten Migranten durch eine Scheune. Einmal drinnen, mussten sie ihre Trachten ablegen, um dann als Amerikaner eingekleidet auf der anderen Seite der Scheune herauszukommen.“ Das hollywoodreife Bild einer Assimilationsmaschinerie, das Pegida jeden Wind aus den Segeln nehmen könnte. Hat nur leider nicht funktioniert, damals nicht, heute nicht – und das ist auch gut so.

Schuld sind immer die anderen

Dass Vielfalt kein nettes Zusammensein ist, ist für Charim selbstverständlich. „Migranten, die Neuen, sollen unsere Grundwerte akzeptieren. (…) Aber bei der Diskussion geht es nie darum, dass diese Werte selbst diskutiert, dass sie neu bestimmt werden können.“ Doch es gibt noch mehr Salz in die Wunden eines jeden Pegidisten: Werte könne man niemandem eintrichtern, sagt Isolde Charim. „So wie auch die Bockwurst oder das Schnitzel durch keinen Zaun der Welt das allein Seligmachende bleiben. Man kann die deutsche oder die österreichische ,Kultur’ nicht unter Artenschutz stellen.“

Die Pluralisierung verändere uns alle, sagt die Autorin, nicht nur die „Neuen“, sondern auch uns. Dem gibt sie einen Namen: Wir sind heute alle „Weniger-Ichs“. Das klingt sehr dramatisch. Die pluralisierte Gesellschaft beraube uns eines Stücks unseres Selbst, weil wir dem „Neuen“ Platz geben müssen. Charims These: Keiner kann seine Kultur heute noch so leben, als gäbe es keine andere daneben. Es gebe keine selbstverständliche Zugehörigkeit zu einer Kultur mehr, alles sei offen, alles sei möglich. Man selbst könnte ohne großen Aufwand jemand anderes sein, an etwas anderes glauben, ein völlig anderes Leben leben. Diese Veränderung stelle auch neue Forderungen an die Politik. Denn die müsse ja nun die Ansprüche der Weniger-Ichs erfüllen. Das Weniger-Ich strebe um Anerkennung, als Einzelner in dieser so bunten Massengesellschaft.

Folgerichtig kommt Isolde Charim dann zu jenem Unterthema, auf das man von Anfang an wartet: den wieder aufflammenden Erfolg des Rechtspopulismus. Der spreche die Emotionen der Wutbürger an, fungiere als Anwalt der gekränkten und überforderten Weniger-Ichs, so Charim. An dieser Stelle wünscht man sich ein Kapitel über Pegida, Legida & Co. Doch das lässt sie als Wienerin verständlicherweise aus. Sie erklärt den Erfolg all der Donald Trumps dieser Welt, deren Herrschaft sie charmant als „Führerdemokratie“ bezeichnet und darauf gründet, dass dem Einzelnen vermittelt wird: Bleib wie du bist, du bist cool! Die anderen sind schuld an deinem Leid! Kränkung, so Charim, sei das Instrument, sei der Horizont des Populismus, der den Nerv der Zeit trifft. Nicht wir sollen uns bewegen, sondern nur die anderen. Die Ermächtigung des rechten Populismus beruhe einzig und allein auf dem passiven Ereignis von Geburt und nationaler Zugehörigkeit.

Isolde Charim macht auch klar, warum Argumente nicht greifen: „Dem Populismus kann man nicht mit Aufklärung begegnen, weil diese anderswo andockt, weil Aufklärung die Gefühle nicht erreicht.“ Ihre Schlussfolgerung: Wir brauchen eine Politik, die positive Emotionen berührt.

Vorsicht vor großen Antwortgebern

Klingt logisch, irgendwie. Und weiter? Doch „Ich und die anderen“ beginnt und endet mit Fragen. Charim gibt keine Antwort, sie stellt vielmehr vor Tatsachen: Die pluralisierte Gesellschaft verändere uns alle, Einheimische wie Neue.

Nun gehe es nicht mehr um ein „Wer bist du?“, sondern darum, wie wir zu dem stehen, was wir sind. Etwa: „Leben wir unsere Religion pluralistisch – also im Wissen darum, dass sie nur eine Möglichkeit unter anderen ist?“ Was uns heute trenne, sei die Art, wie wir leben, was unsere Ideale, Lebensvorstellung, Kultur und Religionen betreffe.

Aber was nun tun? Isolde Charim bringt im Nachwort den Pop-Philosophen Slavoj Žižek ins Spiel, den sie im Buch mehrfach zitiert. Der sympathische Pessimist meinte einmal, „der Traum von einer Alternative sei zu Ende. Wer ihn weiter träume, sei nur zu feige, sich die Alternativlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit einzugestehen.“ Immer wieder sieht Charim charismatische Personen ins Spiel kommen, die behaupten, sie hätten eine Antwort auf die große Frage „Was tun?“. Barack Obama. Martin Schulz. Emmanuel Macron. Doch der Hype um solche Männer verfliegt immer schneller. Und die Zyklen werden immer kürzer.

Isolde Charim: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert. Zsolnay Verlag, 224 Seiten, 22 Euro

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