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Montag, 12.03.2018

Judas, eine Verteidigung

Oliver Simons kämpft in der Dresdner Frauenkirche als Judas um sein Ansehen.

Von Sebastian Thiele

Wer war er wirklich, dieser Judas Ischariot? War er geldgierig und verschlagen? Ein schwarzes Schaf unter den Jüngern? Oder sogar der Inbegriff des Bösen? So richtig einig sind sich die vier Evangelisten der Bibel nicht. Doch das Etikett „Verrat“ klebt unlöslich an Judas‘ Stirn. So lieferte der Universalgelehrte Walter Jens mit „Der Fall Judas“ die Grundlage für die populäre Interpretation von Ben Becker. Auch die Dramatikerin Lot Vekemans rückt mit ihrem Judas-Monolog den Jünger in ein helleres Licht. Zur Aufführung ihrer Prosa-Version gastiert das Staatsschauspiel Dresden in einer wahrhaft heiligen Halle: Im unteren Gewölbe der Frauenkirche fand die Dresdner Premiere statt.

„Nicht Jesus ist für alle Sünden gestorben, sondern ich, Judas!“ Als Judas diesen Satz den Zuschauern entgegenschmettert, ist das Publikum bereits schon einige Male auf edlem Holzgestühl hin und her gerutscht. Schon längst hat der Monolog des Schauspielers Oliver Simons an Fahrt aufgenommen und den Raum der Stille in Schwingungen versetzt. In diesem strengen, kreuzförmigen Gewölbe sind Bühne und Zuschauerraum eins. Energisch und agil kann Judas sich hier verteidigen und seinen Namen reinwaschen. Die ganz auf den Text konzentrierte Inszenierung von Dominique Schnizer erzählt von Judas‘ Wurzeln, Glauben, Zweifeln. Und von seinem Zorn. Als Mensch soll man ihn verstehen. Um zu zeigen, dass auch hier unter dem steinernen Kreuz der Unterkirche die Sünde herrscht, fahndet er im Publikum nach einem Schuldigen. Einer, so Judas, habe keinen Eintritt gezahlt, und er werde ihn erkennen. Und schon marschiert Simons mit Hinrichtungsblick die Reihen ab. Leicht springt da der mit federleichter Ironie versprühte Funken über. Scherze wechseln mit Brüchen. Selbstzweifel treten ohne Larmoyanz hervor. Dabei umkreist der Jünger im schlichten Anzug das Taufbecken, wandelt hinter den Zuschauern oder flüchtet sich in Mauerwinkel. Souverän und facettenreich spielt Simons um die eigene Achse. Seine psychologisch sensibel vorgebrachte Geschichte zielt dabei vor allem auf Anerkennung. Er, Judas, sei es doch gewesen, der den göttlichen Plan umgesetzt habe. Gott hat nichts gegen die Kreuzigung Jesu getan. Ohne den Judaskuss hätte es das Christentum vielleicht nie gegeben: Die schlechte Tat hat also Gutes bewirkt. Natürlich spielt hier nicht nur die Erlösung der Judas-Figur eine Rolle. Subtil wird der Zuschauer ohne Lehrerfinger daran erinnert, dass auch heute keiner gefeit ist vor Stigmatisierung und Sündenbockmanier. Bleibt für diesen überzeugenden Abend nur zu hoffen, dass alle Kirchen, die als Orte für diese Inszenierung geplant sind, ähnliche Räume besitzen. Denn in hohen Kirchenschiffen und vor weit entfernten Schäfchen könnten die Worte wirkungsarm verhallen.

Wieder am 24. und 27. März; 19.30 Uhr.
Kartentelefon: 0351 3204 2777

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