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Montag, 17.09.2018

Im Deutschen Reich der Hysterie

Kommunist und KZ-Kommandant: Die epische Leipziger TV-Serie „Krieg der Träume“ schildert anhand wahrer Schicksale aus ganz Europa den Weg von 1918 nach 1939.

Von Oliver Reinhard

Die Britin Unity Mitford (Charlotte Merriam) war glühende Hitler-Verehrerin. 1939 schoss sie sich eine Kugel in den Kopf.
Die Britin Unity Mitford (Charlotte Merriam) war glühende Hitler-Verehrerin. 1939 schoss sie sich eine Kugel in den Kopf.

© SWR/Ricardo Vaz Palma

Hans Beimler klebt im Akkord. Die Reichstagswahlen im Herbst 1930 nahen, die Plakate seiner Kommunistischen Partei müssen an möglichst viele Wände von Augsburg. Plötzlich prallt er gegen einen Mitkleber. Der Rote und der Braune sehen sich an, greifen zu ihren Waffen, dann halten sie inne. „Hauptsache, es geht gegen das System“, sagt der SA-Mann und grinst. „Nicht wahr, Genosse?“ Beimler erinnert sich: Fast genau so hatte es ihm kurz zuvor der Vorsitzende seiner KPD-Gruppe gesagt: „Notfalls auch mit den Nazis.“

Nicht nur diese Szene der Serie „Krieg der Träume“ erinnert an ähnliche Facetten unserer facettenweise ähnlichen Gegenwart. Sie erzählt von den Jahren 1918 bis 1939 und bebildert den Weg Europas und der Welt von der einen Katastrophe in die nächste. Dafür nimmt sich das Mammutprojekt, produziert von der Leipziger Firma Looks Film und gefördert von unzähligen europäischen Partnern, über 400 Minuten Zeit. Arte hat alle acht Folgen gezeigt, die ARD strahlt ab heute drei davon aus, die restlichen sind in der Mediathek abrufbar.

US-Kreuzer in Wladiwostok

Nicht nur die Länge macht „Krieg der Träume“ zum Ereignis und noch bemerkenswerter als den Vorgänger „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“, mit dem Looks Film 2014 das Genre der Dokudramaserie neu erfand. Man darf vermuten: Der neue Streich wird ähnlich viele Preise pflücken.

Wieder beruhen alle Spielfilmszenen auf Briefen, Tagebüchern oder ähnlichen Aufzeichnungen unzähliger Menschen, die jene Zeit in diversen Ländern erlebt und erlitten haben, und konzentrieren sich auf 13 Hauptfiguren. Darunter sind Linke wie der Deutsche Hans Beimler, Schwedens Sexualaufklärerin Elise Ottesen, der Vietnamese Nguyen Ai Quoc alias Ho Chi Minh. Rechte wie der spätere KZ-Kommandant Rudolf Höß, die britische Hitler-Verehrerin Unity Mitford, Italiens Textilmogul Silvio Crespi. Künstler wie die deutsch-polnische Stummfilmdiva Pola Negri und die russisch-amerikanische Tänzerin und Autorin Marina Yurlova; sie kennt man schon aus „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“.

Auch stilistisch und dramaturgisch setzen die kreativen Serienköpfe, Looks-Chef Gunnar Dedio und sein Regisseur Jan Peter, bei „Krieg der Träume“ konsequent auf das Erfolgsrezept des Vorgängers. Und gehen darüber hinaus. Sie verschneiden erneut Spielfilmszenen mit historischen Aufnahmen, nun aber so dicht, dass beispielsweise ein Akteur in einem Hausdurchgang verschwindet und man im nächsten Bild eine „echte“ Hinterhofszene aus den Zwanzigern sieht; den Anspruch auf Authentizität unterstreicht das enorm.

Auch für den Zuschauer ist „Krieg der Träume“ noch anspruchsvoller als der Vorläufer. Gab es darin Erzählstimmen aus dem Off zur Einbettung der einzelnen Szenen in die historischen Kontexte, verzichtet die neue Serie komplett darauf und setzt an deren Stelle zeitgenössische Medienberichte. Das ist durchaus ein Wagnis. Warum kämpfte eine tschechische Legion im russischen Bürgerkrieg mit? Was machten amerikanische Panzerkreuzer in Wladiwostok? Die Antworten muss sich der Betrachter selbst zusammenreimen – oder sich eigenverantwortlich schlaumachen.

Wem das zu mühsam ist, der kann sich mit dem vielstimmigen Szenen- und Stimmenpuzzle begnügen und erhält trotzdem hochspannende Einblicke aus verschiedenen Blickwinkeln in eine Zeit, deren Hysterie aufs Nagendste Assoziationen an unsere Gegenwart weckt. Eine Epoche, in der das post-katastrophale Streben nach Frieden und Demokratie allmählich zwischen den extrem gegensätzlichen Weltanschauungen des Kommunismus und des Faschismus zerrieben wurde. „Tanz der Träume“ illustriert das zugleich anhand der Gegensätze von Kapitalisten und Arbeitern, was der Serie oft einen sozialdramatischen Tonfall verleiht. Das Elend, der Hunger, das Leid gerade der frühen Zwanziger und nach der Weltwirtschaftskrise 1929 erneut, es wird in ziemlich drastischen Szenen illustriert und geradezu sinnlich greifbar.

Dennoch, trotz seines leicht „linken“ Blickwinkels, müht sich „Krieg der Träume“ um Fairness, auch bei der Geschlechterquote unter den Protagonisten, und um eine historisch aufgeklärte Perspektive. Dazu gehört, dass auf dem weiten Feld der Bilder von Russlands Eismeerküste bis nach Hollywood neben den deutschen Schattenseiten ebenso der amerikanische Rassismus seinen Platz findet wie die unversöhnliche und revanchistische Haltung der Franzosen bei den Versailler Vertragsverhandlungen, die einen wesentlichen Anteil am Aufstieg des Nationalsozialismus hatte.

Faschist aus Verzweiflung

Gerade in der Figur des italienischen Unterhändlers Crespi, der seine Arbeiter zwar schätzte und gut behandelte, aus Verzweiflung wegen deren Streik- und Blockadeaktionen aber zum Faschisten wurde, zeigt sich: „Krieg der Träume“ begnügt sich nicht mit handlichen Klischees. Außer vielleicht bei Trotzki sowie dem Freikorps-Soldaten und späteren Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, der im enervierenden Press-Spiel von Joel Basman zum eindimensionalen Pappkameraden schrumpft.

Auch wenn nicht immer alles perfekt rund läuft: Mit dieser hoch ambitionierten Serie setzen Gunnar Dedio und Jan Peter erneut Maßstäbe im Genre des Dokudramas. Zusammen mit dem Vorgänger skizziert ihr knapp achtstündiges Kaleidoskop Europa als das, was es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem war: ein schwankender, innerlich zerrissener Riese, der von 1914 bis 1945 einen einzigen langen Krieg erlebte.

Die ARD zeigt am 17., 18. und 24. September jeweils um 22.45 Uhr drei Folgen von „Krieg der Träume“. Die komplette Serie ist über die Arte-Mediathek abrufbar.

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