• Einstellungen
Montag, 11.06.2018

Hinter Bäumen entschwunden

Pianistin Hélène Grimaud spielte ihre Wasserwerke zu Waldbildern Mat Henneks.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Trotz starken Beifalls verzichtete Pianistin Hélène Grimaud am Freitag im Kulturpalast auf eine Zugabe. Die charismatische Französin ist gewiss nicht arrogant. Es lag in der Natur der Sache, denn nach nur reichlich einer Stunde hatte sich der Kreis geschlossen. Die Künstlerin bot exakt den Set ihrer 2016 veröffentlichten CD „Water“, intonierte acht prickelnde Werke von acht Komponisten und lauschte dazwischen den sieben über Boxen eingespielten „Transitions“, sphärischen Fragmenten, die der Brite Nitin Sawhney für die CD ersonnen und an Keyboards selbst aufgenommen hatte.

Dazu wurden Naturbilder des deutschen Fotografen Mat Hennek auf eine riesige quadratische Leinwand hinter dem Flügel projiziert. Küsten- und Flusslandschaften wechselten, in fließenden Überblendungen, mit Bildern von Wüsten und Bergen und Wald, viel Wald. All die Fichten, Buchen, Birken standen für den Titel des Live-Projekts „Woodlands and beyond“. In den Waldlandschaften und „dem, was dahintersteckt“, sieht Naturschützerin Grimaud Wesentliches: Sie schenken uns die Luft zum Atmen, sie bergen Geheimnisse, nach denen wir suchen und die wir vermissen. „Natur ist der Ursprung von allem“, sagt sie. „Wir erfinden also nichts, wir empfinden nur nach und entdecken, was immer schon da war …“

Musik kann für sie Brücke zur Natur sein und Spiegel des Natürlichen. Vor den eindringlichen, kraftvollen, ruhigen Bildern Henneks entfaltete sie mit der ihr eigenen Finesse die Suggestion zeitlos schöner Stücke. Ravels „Wasserspiele“ und Debussys „Versunkene Kathedrale“ bildeten den impressionistischen Ankerpunkt, um den sich das Schiff der Empfindungen leise drehte. Prächtig die vitale Interpretation eines Spätwerks von Liszt. Die Fontänen im Park der Villa d’Este in Tivoli inspirierten ihn, als er nach seiner Priesterweihe dort am Fuße der Apenninen lebte, zu den flimmernden „Jeux d’eaux“. Lichterfüllt auch „Rain Tree Sketch II“ des Japaners Takemitsu und „Almería“ des Spaniers Albéniz.

Dieses Programm war schlüssig. Der pianistische Teil, so erlesen er klang, fügte sich fast bescheiden ein in das audiovisuelle Gesamtkonzept, sodass der Abend kaum wie ein Konzert anmutete. Er sollte wohl eher ein gemeinsamer Ausflug sein, hinaus in regenfeuchte Wälder, an Orte fern dessen, was uns Tag für Tag, unter dem Vorwand von Fortschritt und Modernität, bedrängt und belärmt. Aus der Logik der ineinander fließenden Musiken und Bilder ergab sich, dass Beifall erst ganz am Ende angemessen schien. Er rauschte dankbar. Dann erloschen die Bilder, und die Künstlerin war verschwunden, als hätte der Wald sie verschluckt.

Desktopversion des Artikels