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Freitag, 09.11.2018

Hier Paläste, dort Hütten

Die globale Ungleichheit wird bald noch größer. Eine Lösung ist leichter gesagt als getan.

Von Werner J. Patzelt

Werner J. Patzelt
Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Armut ist ein gefährlicher Sprengsatz für jede Gesellschaft. Die Schnur zu ihm kann länger oder kürzer sein, der Anlass zum Zünden mannigfach. Bisweilen schlägt den Funken der Hunger, ein andermal empörendes Verhalten von Reichen. Oft verbinden sich auch kulturelle oder ethnische Konflikte mit schockierenden Erfahrungen sozialer Ungerechtigkeit. Das löst dann eine Revolte aus oder eine Revolution. In den westlichen Gesellschaften entschärft es diesen Sprengsatz durchaus nicht, dass ein hierzulande Armer im globalen Süden womöglich zur Mittelschicht gehörte. Was Wunden schlägt und Gift in sie flößt, ist ja stets der Vergleich. Der Arme in Europa vergleicht sich aber mit den Reichen im eigenen Land, und die Mittelschicht im Kongo mit mindestens den kleinen Leuten hierzulande. Also ist es oft gar nicht eigener Alltag, was schmerzt, sondern der unübersehbare Unterschied nach oben.

Warum ebnen wir solche Unterschiede nicht einfach ein? Das ist leichter gewünscht als getan. Als arm gilt in Deutschland, wer – grob ausgedrückt – nicht mehr als 40 Prozent des mittleren Pro-Kopf-Einkommens erhält. Also kann auch bei steigenden mittleren Einkommen die demütigende relative Armut in unserer Gesellschaft nicht verschwinden. Und die Armut im globalen Süden, etwa in Afrika, wo die Bevölkerung während der nächsten dreißig Jahre um eine Milliarde steigen wird? Wo jetzt schon Millionen junger Leute empört auf die überalterten, reichen Gesellschaften Europas blicken und dorthin streben? Dort wird auch im nächsten Jahrzehnt wohl kein Wirtschaftswachstum aufkommen, das den herabwürdigenden Reichtumsunterschied zu Europa erträglich macht.

Wollen wir da auf Geldtransfers von Europa nach Afrika setzen? In welcher Höhe und wie finanziert? Oder teilen wir unseren Wohlstand durch die bereitwillige Aufnahme von Afrikanern, sodass mit der anschließenden Angleichung unserer Lebensverhältnisse die Anlässe für Migration oder Ungerechtigkeitsempfinden entfallen? Doch wie werden Europas Demokratien die Reaktionen der Wähler auf eine solche Politik überleben?

Es wird anscheinend Zeit für die Einsicht, in einer global prärevolutionären Zeit zu leben – wir in Palästen, viele andere hungernd in Hütten. Dort wird man die Zeit zum Umsturz nicht übersehen. Und wir? Sind ratlos.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.

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