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Mittwoch, 14.03.2018

Häuserskelette und brandgeschwärzte Fassaden

Zeichnungen und Holzschnitte Wilhelm Rudolphs sind Dokumente der Zerstörung Dresdens und große Kunst.

Von Uwe Salzbrenner

Das Kurländer Palais an der Rampischen Gasse in Dresden war 1945 nur noch Ruine. Der Holzschnitt von Wilhelm Rudolph gehört zur Sammlung von Gottfried Klitzsch.
Das Kurländer Palais an der Rampischen Gasse in Dresden war 1945 nur noch Ruine. Der Holzschnitt von Wilhelm Rudolph gehört zur Sammlung von Gottfried Klitzsch.

© Andreas Seeliger

Die Zerstörung Dresdens in der Nacht zum 14. Februar 1945 empfindet der Maler und Grafiker Wilhelm Rudolph als das Ende einer einst formgewaltigen Kultur. In einem Zwangszustand innerster Not und grenzenlosen Entsetzens steigt er in den folgenden Wochen und Monaten durch die Trümmer und zeichnet mit Rohrfeder und Tusche die Zerstörung: Barockbauten, Straßenzüge der Gründerzeit, Villen, Mietskasernen als Skelette und brandgeschwärzte Fassaden. Er beginnt mit dem eigenen, unbewohnbar gewordenen Haus in der Körnerstraße, aus dem er ein paar Holzschnittdruckplatten und Pakete besten Aquarellkartons retten konnte, den Großteil seines Frühwerks jedoch nicht.

Mit nervösem Strich

Rudolph (1889 – 1982) setzt die Arbeit in den zerbombten Quartieren der Altstadt fort, deren Architektur er schon in den 1930er-Jahren im Holzschnitt festgehalten hat. Er zeichnet aus verschiedenen Blickwinkeln auf dem Neumarkt und am Kurländer Palais, arbeitet sich durch die Randbezirke schlimmster Verwüstung Richtung Löbtau. Mit nervösem, kreuzweise schraffierendem Federstrich erfasst er das Bild der leeren Fassaden, der entkernten Häuser mit Resten von Balkonen, Gesimsen, früheren Dekorationen.

Er nennt Straße um Straße, als könnte er Dresden durch Namen zurückgewinnen. Anfang Mai hat er fünfzig Blätter zusammen. Am Ende umfasst dieses einzigartige Werk mehrere Hundert Zeichnungen, Aquarelle, Lithografien und Holzschnitte. 1959 erwirbt das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ein von Rudolph zusammengestelltes Konvolut von hundertfünfzig Trümmerzeichnungen.

Bomben und Feuer

In seiner Gesamtheit wird es selten gezeigt: 1955 in Dresden und 1977 in der Ostberliner Nationalgalerie; 1995 eine Auswahl im Sächsischen Landtag, um an die Bombennacht zu erinnern. Der Katalog zu dieser Ausstellung, die der Patentanwalt Gottfried Klitzsch mit Werken der eigenen Sammlung bestreitet, offeriert Rudolphs Werk im gleichen Geist vor allem als Denk- und Mahnmal – gestützt durch Augenzeugenberichte des Kreuzkantors Rudolf Mauersberger, des Pressefotografen Richard Peter, des Malerkollegen Otto Griebel.

Aus dieser Sicht ist schon das Dokument der Zerstörung die Kunst, die darin versammelte emotionale Intensität. Klitzsch sähe gern den Zyklus „Das zerstörte Dresden“ von den Staatlichen Kunstsammlungen herausgegeben, als Lichtdruck in Originalgröße. Allerdings gehört dies nicht zu den Aufgaben eines Museums. Dass eine öffentliche Zusammenstellung von Zeichnungen, Lithografien und Holzschnitten Rudolphs aufschlussreich ist und die Kunst mehr als ein Bericht, den Beweis liefert die kleine Schau in Radebeul. Da sind zum einen die schönen Unikate, zum Beispiel die Zeichnung „Am Jüdenhof“, Bleistift und Aquarell aus den Jahren 1948/50.

Nur der Zeitraum ist einzugrenzen, Rudolph hat seine Blätter nicht datiert. Da ist die impressionistische Lichtbehandlung seiner Lehrer Sterl und Banzer, die er in der expressiven wie spröden Technik des Holzschnitts zur Vollendung führt. Als schälte der Künstler aus der flimmernden, schneeigen Luft heraus, was sie umfängt. Wie aus der Kreuzschraffur der Zeichnungen sich seine Holzschnitte entwickeln, zeigen zwei Drucke der „Mathildenstraße“, von einem früheren und einem späteren Zustand des Druckstocks.

Manche Blätter sehen am Ende dieses Prozesses aus, als hätten nicht in einer Nacht Bomben und Feuer gewütet, sondern jahrzehntelang Wasser und Wind in Löß geschnitten. Ein Doppelbild von Natur und Moral. Die Vertriebenen der Serie „Aus“, die Kriegsheimkehrer und Brandholzsammler wirken gebückt und abgeschmirgelt.

Da Rudolph das Holz nach dem Zeichnungsblatt schneidet, erscheint das Motiv im Druck seitenverkehrt: Wiedererkennbar sind viele Häuser nicht. Stattdessen gelangt er vom Abbild eines Straßen- oder Menschenzugs zur Abstraktion und zu einer verblüffenden Bewegung im Bild.
Er findet zudem einen Rhythmus von Häuserfront und Häuserflanke, wie ihn die Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts gekannt haben.

Werke von Wilhelm Rudolph bis 6. Mai in der Ausstellung Dresdner Kunst, Radebeul, Hohe Str. 35, geöffnet Sa/So 11–18 Uhr (außer am 1. April), Katalog mit bisher unveröffentlichtem Bildmaterial, Notizen Rudolphs, Texten diverser Autoren: 27,50 Euro

Am 17. März, 20 Uhr hält Gottfried Klitzsch im Buchhaus Loschwitz in Dresden, Friedrich-Wieck-Str. 6, den Vortrag „Wilhelm Rudolph – Dresden 45“; 7/5 Euro

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