• Einstellungen
Dienstag, 31.07.2018

Gipfelstürmer aus Italien

Von Karsten Blüthgen

Beethoven, Sämtliche Streichquartette, Streichquintett, Quartetto di Cremona, 8-SACD-Box (Audite)
Beethoven, Sämtliche Streichquartette, Streichquintett, Quartetto di Cremona, 8-SACD-Box (Audite)

Es ist ein Mammutprojekt: 16 Streichquartette, eine einzelne Fuge, dazu das einzige Streichquintett des Komponisten. Alles reich an Gedanken und Formen, spieltechnisch höchst anspruchsvoll. Eben Beethoven. Ein Auftrag veranlasste ihn, sich um 1800 erstmals ans Streichquartett zu wagen. Sein Opus 18, die ersten sechs Quartette, wurde zum Markstein.

Als ein solcher lässt sich auch die Gesamteinspielung begreifen, die das Quartetto di Cremona über gut drei Jahre beschäftigt hat. Fünfmal traf man sich für mehrere Tage, um in der Stille eines abgelegenen Gutshofs bei Turin aufzunehmen. Nach acht Einzelveröffentlichungen ist das komplette Werk nun als SACD-Box zu haben. Und nach begeisterten internationalen Kritiken für die Etappen lässt sich zum Ganzen sagen: Die Italiener haben sich spätestens mit diesem Beethoven in die Weltliga gespielt – aus einem Land heraus, das kaum für blühende Kammermusik steht.

Alle Herren kommen aus Genua, ehren mit ihrem Ensemblenamen aber jene Stadt, wo sich das Quartett 2000 formiert hat. Ein anderer Grund für die Benennung heißt Paganini. „Genua ist zu sehr mit seinem Namen verbunden, mit dem man sich zwar als Geiger, nicht aber als Streichquartett identifizieren kann“, erklärt Primgeiger Cristiano Gualco. Für Beethovens Quintett liehen sie sich Lawrence Dutton, Bratscher des Emerson String Quartet. Es belegt: Die Italiener musizieren auf Augenhöhe der Besten.

Beethoven konzentrierte sich bald auf wenige Gattungen. Sinfonie, Klaviersonate und Streichquartett blieben ihm Wege, um sich künstlerisch zu verwirklichen. Immer mehr künden die Quartette vom Freigeist, der die Gesellschaft irritierte. Gönner wie der russische Graf Rasumowsky brachten sowohl Geld als auch Verständnis auf, um Beethovens Existenz zu sichern und die Aufführung seiner teils wenig populären Musik zu ermöglichen. Die „Große Fuge“ B-Dur hatte der Komponist zunächst als Finale eines seiner Spätwerke vorgesehen, jedoch wieder zurückgezogen. Sie klinge „wie Chinesisch“, urteilte einst ein Kritiker.

Zu Lebzeiten waren es die Quartett-Formationen des Geigenvirtuosen Ignaz Schuppanzigh, heute ist es etwa das Quartetto di Cremona, das dem Anspruch folgt, nicht bloß zu unterhalten. Derart energisch und überzeugt musiziert, bleibt die als einzelner Satz überlieferte „Große Fuge“ sperrig, trotzig, ruppig. Schroff kontrastiert sie die einmal als „Portal in die Quartettwelt Beethovens“ bezeichneten Opera Nummer 18. Die stehen jeweils am Anfang der Tonträger, klingen ausgereift und verbreiten dazu erfrischende Aufbruchsstimmung. Beethovens Erstlinge transportieren ein Gefühl, dem das Quartetto di Cremona mit Antritt dieser Gesamteinspielung 2012 selbst gefolgt war. Cellist Giovanni Scaglione: „Es wurde Zeit, sich mit einem wichtigen Projekt in der Szene zu positionieren.“ Den Italienern, inzwischen seit 16 Jahren in konstanter Besetzung spielend, ist es auf packende Weise gelungen. Sie kommunizieren temperamentvoll und hochsensibel, gönnen den Stimmen im Miteinander Raum für individuelle Entfaltung. Ihr gemeinsamer Atem fasziniert, jede kleinste Geste wirkt bedacht, alles fließt organisch.

In der Geschichte der wichtigsten Kammermusik-Gattung formen die Quartette Beethovens einen Gipfel, der, ähnlich der Sinfonien, singulär geblieben ist. Trittsicher hat ihn das Quartetto di Cremona bestiegen und dabei eine in allen Dimensionen perfekte Balance gefunden.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.