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Montag, 06.08.2018 Der Krimi am Sonntag

Finstere Vergangenheit

Der Schweizer „Tatort“, ohne Schnitte gedreht, ist ein gelungener Saisonauftakt.

Von Emeli Glaser

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Die Nerven liegen blank: Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln nach einem Giftanschlag im Luzerner Kongresszentrum.
Die Nerven liegen blank: Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln nach einem Giftanschlag im Luzerner Kongresszentrum.

© ARD Degeto/SRF/Hugofilm

Dass der erste „Tatort“ nach der Sommerpause anders war, merkte man schon in den ersten Filmsekunden. Ein elegant gekleideter Mann schaut den Zuschauern direkt in die Augen, lächelt aus dem Fernseher heraus, statt auf das rasante Treiben um sich herum zu achten: Menschen in Abendgarderobe, Fotografen, hinter Absperrungen „Free-Palästina“-Demonstranten. „So was wie hier gibt es nur im Fernsehen“, verspricht er theatralisch, „aber ihre werdet euren Spaß haben.“

Der Mann ist Franky Loving (Andri Schenardi), der Sohn des Schweizer Unternehmers und Mäzens Walter Loving (Hans Hollmann). Die High Society ist im Kongresszentrum Luzern versammelt, Loving Senior veranstaltet ein Benefizkonzert des „Jewish Chamber Orchestra“. Es werden Stücke jüdischer Komponisten gespielt, die im Zweiten Weltkrieg in Konzentrationslagern ermordet wurden. Loving hat damals Juden gerettet und versteckt. Was die Öffentlichkeit nicht weiß: Die Hilfe hatte nicht nur eine humanitäre Dimension. Schweizer Flüchtlingshelfer wie er verlangten oft viel Geld für ihre Dienste. Wenn die Flüchtlinge den Nazis doch nicht entkamen, behielten sie das Geld trotzdem.

Die Pianistin Miriam Goldstein hat einen geheimen Programmpunkt geplant: ein „Gedicht“ mit Informationen, um die dunkle Seite der Loving-Familie aufzudecken. Vor dem Konzert erhält sie per Telefon eine Morddrohung. Dann bricht ihr Bruder, Klarinettist beim Konzert, zusammen: Kontaktgift. Die Luzerner Kommissare Reto Flückiger und Liz Ritschard, gespielt von Stefan Gubser und Delia Mayer, übernehmen den Fall.

Die Besonderheit des Films „Die Musik stirbt zuletzt“: Es ist ein One-Take, also an einem Stück und ohne Schnitt gedreht. Das ist technisch und schauspielerisch hoch anspruchsvoll. Regisseur Daniel Levy, bekannt für Filme wie „Alles auf Zucker“, ist mit diesem „Tatort“ eine filmische Glanzleistung gelungen. Als stiller Beobachter folgt die Kamera Figuren durch die Räume, wechselt dynamisch die Perspektive, und schafft dabei eine aufreibende Gleichzeitigkeit. Dass man im Laufe dieses Kammerspiels vom Täter durch die Handlung geführt wird, ist ein gelungener Kniff.

Nicht nur wegen seiner Form sticht dieser „Tatort“ aus der Masse heraus. Sondern auch, weil er einen Aspekt der Schweizer Geschichte behandelt, der oft verschwiegen wird. Ein mutiger Film.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Peter

    Trotz mancher naja-Momente in der Story war es ein sehr guter und vor allem künstlerisch atemberaubender Tatort. Bravo Dani Levy.

  2. schulmeister

    @1 geht mir ganz ähnlich so. Ein sehr gut gemachter Film zu einem interessanten Thema. Jedoch lassen mich die letzten beiden Minuten etwas ratlos zurück.

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