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Mittwoch, 11.07.2018

Es leben die Klischees

Von Andreas Körner

Karl (Jonas Dassler) nennt sich als Blogger Lomo und schottet sich immer mehr von der realen Welt ab. Foto: Farbfilm
Karl (Jonas Dassler) nennt sich als Blogger Lomo und schottet sich immer mehr von der realen Welt ab. Foto: Farbfilm

Es ist ein Versuch. Allerdings einer, der wie ein Warnschild über jungen Zuschauerinnen und Zuschauern droht. Und sage bitte keiner, dieser fesch anmutende, weil demgemäß aufgemachte Film hätte kein klar definiertes Zielpublikum! Nicht ohne Grund wird den Schulen zu „Lomo – The Language Of Many Others“ üppiges Unterrichtsmaterial gereicht, das sich wie ein Leitfaden zum betreuten Sehen liest.

Von Versuch ist dort allerdings keine Rede. Julia Langhofs Debüt wird da schon „den Veränderungen gerecht, die das Internet, Apps und Smartphones in das Leben … bringen.“ Gestützt ist diese Ansage durch die Deutsche Filmbewertungsstelle, die gern das Prädikat „Besonders wertvoll“ verliehen hat. Es ist ein gezielter Vorschuss mit Lorbeeren, der nach hinten losgehen kann. Denn „Lomo“ begnügt sich mit auffälligem Anriss und dem Beschreiben von Zuständen. Die Regisseurin scheut sich davor, das Lot ein Stück weit tiefer zu hängen. „Lena Love“ von Florian Gaag, der in Teilen anmutet wie der reifere Zwilling von „Lomo“, war 2016 schon mal weiter.

Apropos Zwilling: Anna und Karl sind solche, stehen kurz vor dem Abi, das sie als Sprungbrett zum Auslandsstudium nutzen will und das er bereits herzhaft in den Sand setzt. Denn die klare Sicht auf erreichbare Optionen im anstehenden Leben hat er längst einer Parallelwelt geopfert. Karl – stark gespielt von Jonas Dassler – ist Lomo, ist Blogger. Sein Alltags-Ätsch wird vom Gehör im Netz ersetzt. Was er postet, wird erwidert, seine Videocollagen werden vielhundertfach gesehen und kommentiert. Einen Plan hat Karl nicht, erst recht nicht, als sein Vater danach fragt. „Lomo“ erliegt als Leinwandstück zwei Tücken: Im Zeichnen einer Vorstadtwelt mit gutbetuchten Selbstverwirklichern patscht er mittenrein in noch jedes Elternklischee.

Im keineswegs weniger klischeereichen Porträt eines 17-Jährigen und dessen Abschottung, gegen die vielleicht nur die reale Liebe eine echte Chance haben könnte, hier aber von einer billigen Enttäuschung torpediert wird, gibt es den Griff ins Mystery-Kabinett. Karls Community greift ein und über. Als Stimmengewirr ist sie unablässig hör- und in Schriftsprache sehbar.

Zwei Zustände gebe es im Leben, sagt Karl. „Bewusstlosigkeit oder Panik.“ Da hat er sich dann doch getäuscht.

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