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Samstag, 08.09.2018

„Es ist okay, auch mal was zu versauen“

Von Viktor Dallmann

Tash Sultana gönnt sich in ihren extrem abwechslungsreichen Songs gern auch mal ein ausuferndes Gitarrensolo. Foto: Dara Munnis
Tash Sultana gönnt sich in ihren extrem abwechslungsreichen Songs gern auch mal ein ausuferndes Gitarrensolo. Foto: Dara Munnis

© Dara Munnis

Dass Straßenmusiker auch fett Karriere machen können, haben zuletzt „Let Her Go“-Knatschstimme Passenger und Säuselpop-Weltstar Ed Sheeran bewiesen. Beide streiften durch die vom Nieselregen ganz schummrig glänzenden Straßen Südenglands. Und beide sind seitdem im fulminanten Spektrum von rührseliger bis weinerlicher Ballade zu Hause. Ein maximal angenehmer Gegenentwurf ist das Debütalbum „Flow State“ (etwa: „Strömungszustand“) der australischen Newcomerin Tash Sultana. Die 1995 in Melbourne als Natasha Sultana geborene Multiinstrumentalistin spielte jedes der auf dem Album zu hörenden Instrumente selbst ein, und selbstverständlich singt sie auch eigens geschriebene Texte.

Tash nutzt eine Loop-Station, um alle Stimmen aufzunehmen und per Schleife zu einem Song zusammenzuknüpfen. Ihr Stil ist ein Potpourri aus Reggaeton, Folk, elektronischem Indie und ausgedehnten Instrumental-Passagen. Denn da schöpft sie aus einem riesigen Arsenal: Zehn Instrumente – darunter Klavier, Trompete, Schlagzeug und Mandoline – brachte sich die Australierin selbst bei. Neben ihrer Stimme ist Tashs wohl größtes Steckenpferd aber ihr leichtfingriges Spiel auf der E-Gitarre. Mit drei Jahren bekam sie die erste Klampfe von ihrem Großvater geschenkt, seit nun 20 Jahren zupft die 23-Jährige die Saiten – nicht von Anfang an auf gut ausgeleuchteten Bühnen und mit akribisch geeichten Verstärkern.

Drogen, Psychose, Therapie

Ihre unruhige Lebensgeschichte mag etwas mit dem kometenhaften Aufstieg zu tun haben. Tash selbst sagt, sie habe früher so ziemlich jede Droge eingeworfen, die ihr in die Hände kam – abgesehen von Heroin. Diese Feier- und Experimentierwut trieb sie mit 17 Jahren wegen einer Psychose in die Therapie. Dort rettete sie nach eigener Aussage die Musik. Mit einer Riege Eigenkompositionen – zu ihren Inspirationen zählen Musiker wie Jimi Hendrix, Bob Marley oder Phil Collins – zog Tash danach schrammelnd durch die Fußgängerzonen Melbournes. Den digitalen Durchbruch erlebte Tash Sultana schließlich im April 2016, als das Video zu „Jungle“, das sie im Rahmen ihrer „Live-Bedroom-Recordings“ bei Facebook hochgeladen hatte, so oft hin und her geteilt wurde, bis es mehrere Million Menschen erreichte. Die Starthilfe wirkte und „Jungle“ landete 2017 auf Platz drei der Top-100-Liste des australischen Radiosenders Triple J.

Mittlerweile wurden Tashs Songs auf Spotify mehr als 175 Millionen Mal gestreamt. Außerdem tourte sie durch Australien, Südamerika und die USA und legte fulminante Shows hin. Da steht eine Person auf der Bühne, aber vier oder fünf Melodien ringen um die akustische Vorherrschaft. Ihre Songs tasten ein inneres Gelände ab, fühlen sich an wie wohldurchdachte Berührungen.

Im Song „The Salvation“, der von schummrigen E-Piano-Akkorden und Tashs feinfühliger Stimme zusammengehalten wird, beschreibt sie ihre Bergung aus dem seelischen Abgrund. „Ich habe diesen Song geschrieben, als ich erkannte, dass ich besser sein kann als die Dinge, die ich in meiner Vergangenheit getan habe und die ich bereue. Dass ich meine eigene Geschichte schreibe. Es ist okay, sich einzugestehen, dass man von Zeit zu Zeit auch etwas total versauen kann.“ Viele der Titel auf „Flow State“ handeln von kräftezehrender Suche, tragen dennoch etwas Versöhnliches in sich. Sicher hat das auch mit dem oftmals spielerischen Jam-Charakter zu tun.

Melodien, die Zeit haben

Im albumeröffnenden Track „Big Smoke“ singt Tash über einem Reggae-Beat ungebeugt vom Besuch beim Psychiater und von der erlösenden Kraft der Musik: „Carry my love back home“ (etwa: „Trag meine Liebe nach Hause“). Diese Kraft scheint auf den Hörer überzugehen. Mal ganz sanft, wenn Gitarrenmelodie und minimalistische Percussion in „Harvest Love“ oder „Pink Moon“ Masche für Masche einen detailverliebten Soundteppich weben. Mal sehr direkt, wenn in „Mellow Marmelade“ die Gitarre folkig-rotzig daherkommt oder das flinke Gitarrensolo in „Black Bird“ so sorglos klingt, als würde es beweisen, dass die Saiten aus eigenem Antrieb gehorchen. Es ist die Unaufgeregtheit, die Tash Sultanas Debüt ausmacht, die es von ähnlich fix berühmt gewordenen Kollegen mit gigantischem Geltungsbedürfnis unterscheidet. Die Titel haben Zeit, sich anderthalb Minuten lang aus Streicher-Harmonien aufzubauen, bis die Melodie aus dem Klangnebel heraustritt. „Flow State“ vermag es, dass der Hörer sich wie in ein Geheimnis eingeweiht fühlt, ohne in Kummer oder Selbstironie ertränkt zu werden. Tash Sultana schreibt abgeklärte Songs, deren befreiter Sound locker fällt wie ein Sommerkleid.

Im September kommt Tash Sultana für fünf ausverkaufte Shows nach Köln und Berlin. Wer diese verpasst hat, bekommt im Sommer 2019 erneut die Chance, wenn Tash wieder in Deutschland auftritt.

Das Album: Tash Sultana, „Flow State.“ (SME Australia/

Sony Music)

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