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Donnerstag, 14.06.2018 Kolumne Kater Vivaldi hört mit

Es ist dann auch mal wieder gut

Trotz meiner Wurzeln lasse ich mich niemals mit dem König der Neandertaler fotografieren.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Fußballdeutschland hat sich gerade die Lippen wund diskutiert, wie verwerflich der Fototermin zweier deutscher Spieler war, die türkische Wurzeln haben und sich mit dem Türkenpräsidenten Erdogan ablichten ließen. Beim letzten Testspiel von Löws lustigen Laufburschen wurde Gündogan bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, was Özil wohl nur deshalb erspart blieb, weil er Aua am Knie hatte.

Wie ist das nun mit der Nationalstaatlichkeit? Der legendäre Altenberger Biathlet Michael „Ebs“ Rösch ist Belgier geworden. Er hat freilich nie einen Schmus draus gemacht und weder Angela Merkel ein Leibchen signiert noch Philippe, dem „König der Belgier“, eine Mütze. Wäre Michaels Mama dereinst nicht in Pirna niedergekommen, sondern bei einem Ausflug ins Böhmische, hätte der Kleine theoretisch sogar Tscheche werden können. Es gibt Fälle, da kommen die Wehen unterwegs, etwa auf dem nach J. F. Kennedy benannten Flughafen von New York, und ganz egal, ob die Gebärende dann aus Haida Gwaii oder aus Heidenau stammt, ist das Baby „kraft Geburt“ automatisch auch Amerikaner.

Staatsbürgerschaft erwirbt man vielerorts durch Abstammung, Geburtsplatz oder Einbürgerung. Der Kater Vivaldi wäre, wenn Katzen auf so etwas Wert legen würden, gleichzeitig Italiener, Ägypter, Franzose und Deutscher. Denn er ist auf einer Insel geboren, die zu Sizilien gehört, das wiederum von Rom aus regiert wird, zumindest glauben das manche. Er stammt angeblich von einer ägyptischen Schiffskatze und einem südfranzösischen Rotweinkater ab, doch vielleicht ist das auch nur ein Scherz. Pimpern und Grätschen, Dribbeln und Bolzen haben wenig Politisches, sind „mehr so körperlich“. Da der Kater, von mir persönlich eingeschleppt, in Deutschland zum Kolumnenhelden avancierte und die teutonische Kultur derart bereichert, dass er gar bei Wikipedia erwähnt wird, wäre es infam, ihm ein gewisses Anrecht aufs Deutschsein abzusprechen. Der gebürtige Russe Kaminer ist auch längst Erfolgsdeutscher. Allerdings würde der Bestsellerautor wohl nicht mit Putin posieren. Eher mit Puschkin, würde der noch leben.

Die beiden Erdogan-Fans aus dem deutschen Nationalteam können sich auf die verfassungsmäßige Freiheit berufen, sich mit wem auch immer knipsen zu lassen und dabei, wenn es sein muss, zum Obst zu machen. Der Söder hat sich sogar mit dem Papst fotografieren lassen, dabei ist dieser Bayer Protestant und der Papst Argentinier. Angela Merkel ist von der Abstammung her ein bisschen Polin, Ex-Innenminister de Maizière ein bisschen Franzose, und ich bin sogar ein bisschen Afrikaner. Habe neulich unter meinem Stammbaum gegraben und fand, ganz unten im Wurzelbereich, einen knackigen Homo habilis namens Ofr Korkmnops aus der Gegend von Tansania. Vor zwei Millionen Jahren waren dort Namen mit O sehr angesagt. Im heutigen Deutschland lebte damals noch kein Mensch. Null! Tante Elfriede meinte unlängst, ich hätte auch was von einem Neandertaler. Mag sein. Aber die ist aus Freital und hat es gerade nötig zu lästern.

Özil und Gündogan sind beide in Gelsenkirchen geboren, ihre Väter zwar noch in der Türkei, gleichwohl Özils Papa auch erst zwei war, als er in den Ruhrpott kam. Worauf will ich hinaus? Fußballer haben immer mal wieder dummes Zeug getan und gesagt. Trainer Löw hat darum meinen Beifall, wenn er meint: „Es ist dann auch mal wieder gut.“

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