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Donnerstag, 14.06.2018

Eine Stadt, ein Mythos

Die von Stefan Heym gefeierte „Republik Schwarzenberg“ war alles andere als frei. Dort wurde denunziert, verfolgt und Alt-Nazis durften Polizisten bleiben.

Von Christian Ruf

Die Erzgebirgsstadt Schwarzenberg blieb im Mai 1945 sechs Wochen lang unbesetzt – der Anfang vom Mythos der Freien Republik Schwarzenberg, den Stefan Heym mit seinem Roman „Schwarzenberg“ fortschrieb.
Die Erzgebirgsstadt Schwarzenberg blieb im Mai 1945 sechs Wochen lang unbesetzt – der Anfang vom Mythos der Freien Republik Schwarzenberg, den Stefan Heym mit seinem Roman „Schwarzenberg“ fortschrieb.

© dpa

In seinem Roman „Schwarzenberg“ beschwört der Schriftsteller und bekennende Kommunist Stefan Heym die Utopie einer eigenständigen, von jeglicher Besatzungsmacht unabhängigen sozialistischen Alternative, die es am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Stadt im Erzgebirge gegeben habe. Kann man so machen – dichterische Freiheit. Das Problem: Viele lesen Heyms Roman noch immer als Tatsachenbericht. 1995 bauschten Mitglieder des Schwarzenberger Kunstvereins gar Heyms sachlich korrekte „Republik Schwarzenberg“ zur „Freien Republik Schwarzenberg“ auf. Der neue Name wurde nach allen Regeln der Kunst vermarktet, die Stadtverwaltung richtete gar einen entsprechenden Lehrpfad ein.

Es existieren verschiedene Versionen zur Schwarzenberg-Legende, auch SED und PDS versuchten sich im Stricken. In ihrem Buch „Die Schwarzenberg-Legende“ vermittelt die in Schwarzenberg lebende Lenore Lobeck nun, was wirklich geschah, als der Landkreis 42 Tage lang unbesetzt blieb. Zudem zeigt sie in ihrem Fiktionen von Fakten trennenden Buch auf, welche Wirkungskraft der Mythos bis heute hat. Aufgrund der Hilfe eines Militärgeschichte-Experten konnte Lobeck auch die Frage klären, warum der Landkreis für ein paar Wochen ohne Besatzung blieb.

Nicht die Spur von Demokratie

Das hängt schlicht mit der Kapitulation der Wehrmacht am 7. Mai und den Festlegungen zur Aufteilung der Besatzungszonen in Jalta zusammen. Die Amerikaner rückten zwar nicht weiter vor, aber das unbesetzte Gebiet blieb durchaus nicht unkontrolliert. Patrouillen der Amerikaner waren im Kreis und in Schwarzenberg fast täglich präsent.

Bereits 2004 hatte Lobeck erstmals die Diskrepanz zwischen dem Mythos von der Enklave der Freiheit und der vor Ort erlebten repressiven Wirklichkeit aufgezeigt. In die vollständig überarbeitete Version ihres Buches fließen nun auch jene Recherchen ein, die offenbaren, wie es um die Arbeit der Gemeinden im Landkreis, den Umgang mit Flüchtlingen sowie die Verhaftungen in jener Zeit bestellt war. Weitere neue und den Kenntnisstand erheblich erweiternde Themen sind Wahlfälschungen und die Umstrukturierung der SED zur „Partei neuen Typus“. Deutlich wird auch: Am Kriegsende herrschte im Kreis kein leitungsloses Chaos, wie es später zur Rechtfertigung der kommunistischen Machtübernahme immer wieder beschrieben wurde.

Weder die russische Besatzungsmacht noch aus Moskau entsandte Parteikader sorgten dafür, dass nicht die Spur von Demokratie in jenen Tagen herrschte, sondern alteingesessene Kommunisten. Zuhauf wurden in Schwarzenberg, in dem die NSDAP-Ergebnisse bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 mit 52,5 Prozent über dem Gesamtergebnis im Reich mit 44 Prozent gelegen hatte, alte Rechnungen beglichen. Opfer waren vor allem bürgerliche Kreise, nicht selten aber Menschen, die man willkürlich solchen zuordnete.

Laut Lobeck ging das nach dem Einmarsch der Sowjetarmee bruchlos weiter. Die in der DDR so geehrten und instrumentalisierten Mitglieder der Aktionskomitees, die zumeist in ihren Ämtern belassen wurden, sorgten weiterhin mit dafür, dass Hunderte Menschen in sowjetischen Straflagern verschwanden. Wie man erfährt, erfolgte 1948 eine interne Anweisung, gegen die Klöppellehrerin L., die „den Bibelforschern angehört“, Material zu sammeln, das „ihre Unfähigkeit beweisen“ sollte. Aber getarnt, um nicht den Anschein zu erwecken, „daß wir mit faschistischen Methoden gegen diese Religionsgemeinschaft vorgehen“.

Für den immer wieder zitierten Aufbau einer bewaffneten Arbeiterwehr in Schwarzenberg liegen keine Dokumente vor. Entgegen der Behauptung, der Aktionsausschuss habe sofort eine Polizei aus „bewussten Arbeitern“ gebildet, wie es der SED-treue DDR-Historiker Werner Groß behauptete, wurden sieben von neun städtischen Polizeiober- und Hauptwachtmeistern in ihren Ämtern belassen. Alles ehemalige NSDAP-Mitglieder.

Die Verwaltung wurde rigoros gesäubert. Waren im Dezember 1945 fast 50 Prozent der Angestellten parteilos, so waren es ein halbes Jahr später nur noch 15 Prozent. Die Kommunisten, die im Mai 1945 eigenständig die Macht übernahmen, verblieben, meist noch lange nach Gründung der DDR, in einflussreichen Positionen in der SED und in der Verwaltung. Einige unterzeichneten eine Verpflichtungserklärung für das Ministerium für Staatssicherheit, auch Paul Korb. Er blieb Ehrenbürger Schwarzenbergs bis zu seinem Tod 2003.

Ein Todesurteil als Verbrechen

Da war Dr. Ernst Rietzsch, von 1920 bis 1945 Bürgermeister in Schwarzenberg, ein ganz anderes Schicksal beschieden. Er wurde am 12. Mai 1945 abgesetzt, im Dezember verhaftet und an die Sowjetische Militäradministration übergeben, die ihn in die Haftanstalt Dresden bringen ließ. In seinem letzten Kassiber vor dem Abtransport schrieb Rietzsch seiner Familie: „Ich bin nicht erschrocken, sondern erfreut. Da komme ich wenigstens endlich aus der Atmosphäre dieser gehässigen Schwarzenberger Kommunisten heraus ...“

Am 26. April 1946 verurteilte man Rietzsch zum Tod wegen angeblicher Grausamkeiten gegenüber Sowjetbürgern während seiner Dienstzeit in Weißrussland. Das Urteil wurde wahrscheinlich am 21. Mai 1946 in Dresden vollstreckt, die Witwe Rietzschs 1949 aus Schwarzenberg zwangsausgewiesen. Seine Rehabilitation erfolgte 1994 von der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation post mortem: Es lagen nicht mal ansatzweise Beweise dafür vor, dass Ernst Rietzsch während des Krieges in der Sowjetunion Verbrechen beging.

Lenore Lobeck: Die Schwarzenberg-Legende. Evangelische Verlagsanstalt, 249 S., 10 Euro

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