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Mittwoch, 01.11.2017

Ein Gloria auf Bruder Martin

Mit dem heute selten gespielten Oratorium „Luther in Worms“ würdigt die Singakademie Dresden den Reformator.

Von Jens Daniel Schubert

Er kommt ein wenig wie der neue Christus daher dieser „Luther in Worms“. Das gleichnamige Oratorium wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Ludwig Meinardus komponiert – aufgeführt wurde es am Sonntag in der Dresdner Kreuzkirche. Das Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus ist groß besetzt, die Herren der Singakademien Dresden und Cottbus sowie des Bachchores Eisenach füllen das Chorpodest, die Damen der Chöre die Emporen rechts und links des Altarraumes der Kirche. Und es geht gleich ganz machtvoll los: „Höret ihr Könige, merket auf ihr Völker!“ Die drei Chöre bilden ein abgestimmtes Gesamtensemble, die Homogenität und Klangschönheit verliert sich in dramatischen Steigerungen gerade der Männerstimmen.

Meinardus, zu seiner Zeit viel gespielt und gern gehört, erzählt von Luthers Scheidepunkt, dem Reichstag zu Worms. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“ Auf diesen Satz, der zur Reformationsgeschichte gehört wie der Thesenanschlag, zielt das Werk. Luther und seine Getreuen begegnen „weinenden Frauen“, befreien die Nonnen und Katharina. Er weist die Verführung der Feinde ebenso zurück wie die der Freunde. Sein Weg gleicht dem Jesus’ nach Jerusalem. Vor Kaiser und Reich steht Luther wie einst Jesus vor Pilatus. Meinardus spielt mit der Gattung Oratorium, den bekannten Texten von der Weihnachtsbotschaft („Meine Seele verlangt zu hören die Worte des Heils…“) bis zur Passionsgeschichte („Hab ich nun übel daran getan, so wart ich auf Zeugnis wider mich…“). Die Handlung wird dramatisch-opernhaft zugespitzt und von reflektierenden Arien und Chören unterbrochen. Wenn der Rom-Vertreter Luther entgegentritt, grollen die tiefen Streicher, als käme Samiel direkt aus der Wolfsschlucht. Vor Luthers berühmter Antwort steht in himmlisch-sphärischen Klängen das Thema „Ein feste Burg“. Die Anhänger Roms und Luthers prallen in gewaltigen doppelchörigen Szenen aufeinander.

Wenige nachdenkliche Momente

Unter den sieben Solisten ragt Andreas Jäpel als Luther heraus. Kraftvoll im Durchsetzungsvermögen, hinterfragt er mit wenigen zurückgenommenen Momenten die allzu glorifizierende Grundhaltung des Werkes. Mit klarem Sopran und hervorragend verständlicher Textgestaltung überzeugte Teresa Suschke, klangschön ergänzt durch die Altistin Annekathrin Laabs.

In Dresden stand Ekkehard Klemm am Pult, der mit Souveränität das Ensemble trotz der exponierten Stellung der Chöre und dem Einsatz der Hauptorgel zusammenführte, Steigerungen und Zuspitzungen kraftvoll ausmusizierte. Inwieweit man dieses Werk im 500. Jahr der Reformation mit einem differenzierteren Blick auf Luther und die Luther-Rezeption in Deutschland – in der Aufführung – so unkommentiert und ohne kritische Distanz aufführen kann, ist, trotz beeindruckender künstlerischer Wiedergabe, zumindest zu hinterfragen. Freilich gab es zuvor eine Werkeinführung und Diskussion.

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