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Freitag, 08.06.2018

Die linksradikale BRD

Positionen der Fortschrittler von gestern sind nicht selten die der Konservativen von heute.

Von Werner J. Patzelt

Werner J. Patzelt
Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Kein Vernünftiger bestreitet, dass ein Wagen Antriebskräfte braucht, wenn er fahren soll. Ebenso braucht eine Gesellschaft, die nicht verknöchern will, Lust auf Neues sowie Leute, die es hervorbringen. Auch bezweifelt keiner, dass die Bremsen eines Autos umso kräftiger sein müssen, je stärker der Motor ist. Also sollte gerade eine veränderungswillige Gesellschaft solche Leute schätzen, die sie davon abhalten, mit heißem Herzen und gutem Willen einfach das zu tun, was gerade angesagt ist. Gut gemeint ist nämlich nicht dasselbe wie gut getan.

Meist nennt man die einen die Fortschrittlichen, die anderen die Konservativen. Beide braucht es. Auch ein Verbrennungsmotor funktioniert nur im Zusammenwirken von Kolben und Zylinder. Doch leider begreifen sehr viele Konservative und Fortschrittliche nicht, dass sie bloß im Wechselspiel ihrer Rollen Gutes für eine Gesellschaft und deren Staat leisten können. Konservative verkennen gern, dass Denk- und Verhaltensweisen, die unter den Umständen von gestern alternativlos, vielleicht gar vernünftig waren, unter veränderten Umständen oft beides nicht mehr sind. Also fühlen, denken und handeln sie falsch, wenn sie jene angreifen, die nach Alternativen zum Bestehenden suchen und diese ausprobieren wollen. Fortschrittliche wiederum verengen ihren Blick auf die Geschichte des Fortschritts oft so sehr, dass sie nur das inzwischen Bewährte als Folge von Fortschrittlichkeit ansehen, nicht aber auch die Vielzahl jener Fehler, die so viele fortschrittliche Wege säumen. Sie lieben es nämlich, immer und überall recht gehabt zu haben.

Dabei sind die Positionen der Fortschrittler von gestern nicht selten die der Konservativen von heute. Oft stellt sich nämlich als wirklich gut und bewahrenswert heraus, was recht vernagelt ehedem bekämpft wurde. Etwa hätte die heutige BRD im Bismarck-Reich klar als linksradikales Experiment gegolten. Und nicht ohne Ironie oder Sarkasmus sieht man derzeit Linksgrüne ihre kulturelle Hegemonie mit der gleichen Gefühlsstärke und Angriffslust verteidigen, mit der Konservative sich im Kaiserreich gegen die aufkommende Sozialdemokratie stellten. Wäre es nicht klüger, es mit aufgeklärter Dialektik zu halten, also für ein respektvolles Miteinander von Fortschrittlern und Konservativen zu sorgen?

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.

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