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Freitag, 12.01.2018

Die Karriere einer Lüge

Die meisten glauben, was sie glauben wollen, und Widerspruch scheint ihnen unglaubwürdig.

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SZ- Kolumnist Michael Bittner
SZ- Kolumnist Michael Bittner

© ronaldbonss.com

Seit einer Weile reden wir über „Fake News“, über Lügen, die im politischen Kampf als Waffen eingesetzt werden. Neu ist allenfalls das Wort, die Sache nicht, denn gelogen wurde von Demagogen schon immer. Um zu verstehen, warum das Lügen erfolgreich ist, kann es lehrreich sein, einmal einer einzelnen Lüge nachzugehen.

Im August 2015 randalierten in Heidenau vor einer Flüchtlingsunterkunft einige hundert Leute, unter ihnen militante Rechtsradikale. Dies veranlasste Vizekanzler Sigmar Gabriel zu der Bemerkung: „Das ist wirklich Pack und Mob, und was man da machen muss, man muss sie einsperren.“

Die Anführer der Pegida-Bewegung witterten sogleich ihre Chance. Nichts eignet sich ja besser, um die Reihen zu schließen, als eine gemeinschaftliche Selbststilisierung zum Opfer.

Rasch waren die Montagsspaziergänger davon überzeugt, Gabriel hätte alle Pegida-Anhänger als „Pack“ bezeichnet. Im Internet wurde die Lüge tausendfach geteilt. An einem Galgen baumelte symbolisch „Siegmar ‚das Pack‘ Gabriel“. Die Pegidisten skandierten trotzig „Wir sind das Pack!“, wohl meistenteils im Irrglauben, so verunglimpft worden zu sein, und nicht in Verbundenheit mit den Hooligans von Heidenau.

Selbst seriöse Beobachter fingen bald an, die Unwahrheit zu verbreiten. Auf Seite 28 seines Buches über Pegida zählt Professor Werner J. Patzelt das „Pack“ von Sigmar Gabriel mitten unter den Beschimpfungen auf, mit denen einige Politiker die Pegida-Demonstranten bedacht haben. Dabei hatte es Patzelt 2015 noch besser gewusst: „Diejenigen, die in Heidenau Brandsätze geworfen haben, als Pack zu bezeichnen, ist berechtigt.“ Inzwischen ist die Lüge in den Stand einer historischen Tatsache aufgerückt. In dem aktuellen Bestseller „Mit Rechten reden“ wird Sigmar Gabriel die „Aufforderung“ an die Pegida-Demonstranten angedichtet, „das ‚Pack‘ solle gefälligst dahin zurückkriechen, wo es hergekommen“ sei. Tatsächlich war Sigmar Gabriel einer der ersten, der für einen Dialog mit den Pegida-Anhängern eintrat. Aber diese Tatsache passte den drei überschlauen Autoren des Bestsellers nicht ins Konzept.

Wird diese Kolumne nun irgendwen zur Wahrheit bekehren? Natürlich nicht. Die Leute glauben, was sie glauben wollen. Und niemand scheint ihnen unglaubwürdiger als einer, der widerspricht.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 8 Kommentare

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  1. alter Schwede

    Mein Gott SZ,mein Gott Bittner,mein Gott Patzelt,jede Woche so einen Quark.Es gab in der Vergangenheit schon weit aus bessere Beiträge zu Lecht,s und Ring,s

  2. Pieschener

    Es gibt natürlich auch Beispiele wo es anders herum war, die wurden von Medien und Anhängern liebend gern aufgenommen um Pegida zu diskreditieren. Seltsame Begriffe (Mischpoke) wurden auch schon geprägt da wussten dreiviertel der Republik noch nicht mal was Pegida ist. Aber noch etwas anderes, es wird gern der Zusammenhalt der Gesellschaft kritisiert der in den letzten Zeit so kaputt gegangen ist. Angesichts dessen das die Pegidabewegung auf ein nicht mehr nennenswerten Zulauf zusammengefallen ist sollte sich Medien, Kolumnisten etc. daran gewöhnen diesen Zusammenhalt zu fördern statt erneut zu entzweien. Und das die Leute die Wahrheit nicht erkennen wollen ist ihre Meinung Herr Bittner. Pegida hatte zu seinen besten Zeiten 5-stellige Versammlungszahlen gegenüber jetzt haben viele eine Wahrheit erkannt, vielleicht nicht ihre aber immerhin.

  3. Mottenkiste

    Das sich der Herr Bittner nicht traut, die aktuellen Themen zu behandeln, greift er lieber in die Mottenkiste. Aber vielleicht bekehrt diese Kolumne andere, die Fake News verbreiten (z.B. bei ihren Altersangaben). Ansonsten wäre es nur bitt(n)er.

  4. Ali B.

    Ob Heidenauer Brandstifter oder Hassprediger wie Maier, Höcke, Weidel, Gauland, Storch und deren Volksgenossen, das ist alles Pack. Deutschland war, ist und bleibt ein Tätervolk.

  5. Ganz ruhig..

    @4: Vor lauter Geifer wieder überschlagen? Ein Land ist kein Volk, auch nicht andersrum. Und wenn alle Täter sind, fehlt's ja an Opfern. Oder bist du das Singleopfer? Ansonsten: Durcharmen und ein Glas Wasser trinken....

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