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Freitag, 29.12.2017

Die Eleganz von Beton

Ulrich Müther gehört zu den bedeutendsten Baumeistern der deutschen Nachkriegszeit. Auch in Dresden hinterließ er Spuren. Forscher ordnen jetzt seinen Nachlass und wollen einen Beitrag zum Erhalt bedrohter Bauten leisten.

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Archivleiter Matthias Ludwig zeigt auf dem Dach der Hochschule Wismar einen Bauplan für die Räume des Archivs für den DDR-Bauingenieur Ulrich Müther. Für die Arbeiten des Schalenbeton-Baumeister und „Teepott“-Schöpfer Müther wird an der Hochschule ein Archiv eingerichtet, in dem zahlreiche Modelle, originale Bauzeichnungen und Dokumente gesammelt werden.
Archivleiter Matthias Ludwig zeigt auf dem Dach der Hochschule Wismar einen Bauplan für die Räume des Archivs für den DDR-Bauingenieur Ulrich Müther. Für die Arbeiten des Schalenbeton-Baumeister und „Teepott“-Schöpfer Müther wird an der Hochschule ein Archiv eingerichtet, in dem zahlreiche Modelle, originale Bauzeichnungen und Dokumente gesammelt werden.

© dpa/Jens Büttner

Das Ruderzentrum in Dresden-Blasewitz, hier auf einem Foto von 2008, wurde 1970 bis 1972 nach Plänen Müthers gebaut. Inzwischen wurde es saniert.
Das Ruderzentrum in Dresden-Blasewitz, hier auf einem Foto von 2008, wurde 1970 bis 1972 nach Plänen Müthers gebaut. Inzwischen wurde es saniert.

© SZ-Archiv

Architekt Ulrich Müther (1934-2007), aufgenommen am 15.08.2000 in seinem Wohnort, dem Ostseebad Binz.
Architekt Ulrich Müther (1934-2007), aufgenommen am 15.08.2000 in seinem Wohnort, dem Ostseebad Binz.

© dpa

Wismar. Ulrich Müther hat der Welt von Rügen aus gezeigt, wie elegant Beton sein kann. Kühn schwingen die Dächer seiner Veranstaltungshallen, Restaurantgebäude und Kirchen. Sein Rettungsturm in Binz auf Rügen steht wie ein Ufo in den Dünen und ist noch heute, mehr als 30 Jahre nach seinem Bau, ein beliebtes Fotomotiv.

Von Müthers Firma stammen auch Planetarien in Wolfsburg und Libyen, eine Radrennbahn auf Kuba, Bobbahnen und eine Moschee in Jordanien. Von den 1960er bis 1980er Jahren war Müther (1934-2007) der König des Betonschalenbaus in der DDR und mit anderen Größen seiner Zunft, wie dem Mexikaner Felix Candela, weltweit vernetzt.

Die Bedeutung dieses Bauingenieurs, dessen Spezialität sogenannte hyperbolische Paraboloidschalen (kurz: Hyparschalen) waren, wird seit diesem Jahr wissenschaftlich akribisch in Wismar aufgearbeitet. Möglich macht dies ein vom Bundesbildungsministerium gefördertes Kooperationsprojekt der Hochschule Wismar und des Archivs der Akademie der Künste in Berlin, das im März gestartet ist. Zwei Stellen in Wismar, für einen Wissenschaftler und eine Archivarin, ermöglichen es, den dort seit 2006 lagernden Nachlass von Ulrich Müther zu sichten, zu ordnen und aufzubereiten.

Die Aufgabe ist groß: 270 Regalmeter Akten und mehrere tausend Originalzeichnungen zu den 74 errichteten, 38 nicht verwirklichten und rund 50 noch erhaltenen Müther-“Schalen“ hütet die Fakultät Gestaltung der Hochschule Wismar. Hinzu kommen Architekturmodelle. Das Forschungsprojekt sichert die Personalstellen sowie Beratung durch die Akademie der Künste Berlin zunächst bis Februar 2020.

Nicht nur wegen der zeitlichen Begrenzung des Projektes ist Eile geboten. Das Archiv will auch einen Beitrag leisten, um bedrohte Müther-Bauten zu erhalten. Parallel zur Erschließung der Bestände bringt das Müther-Archiv deshalb Broschüren zu bedeutenden Bauwerken heraus. Das jüngste ist den sechs Schalenbauten Müthers in Magdeburg gewidmet. Dazu gehört sein größter noch erhaltener Bau, die 1969 als Messehalle errichtete Hyparschale im Park Rothehorn. Sie ist in desolatem Zustand, der Beton hat Risse, und wurde schon vor Jahren baupolizeilich gesperrt.

„Wir wollen die Müther-Bauten und ihre Qualität bekannter machen“, sagt der Leiter des Archivs, Matthias Ludwig, der an der Fakultät Gestaltung in Wismar lehrt. Für viele der Bauten gebe es keine Öffentlichkeit und damit auch kein Bewusstsein, dass es sich um wichtige Beiträge aus der DDR zur Architektur der Moderne handelt. Klar sei: „Der beste Schutz für Gebäude ist Öffentlichkeit.“

Erste Erfolge zeigen sich: Die Stadt Magdeburg will die Hyparschale vom Rothehorn-Park sanieren. Die Stadtvertretung hat dafür im Juni 1,7 Millionen Euro freigegeben. Wie das seit Jahren leerstehende Gebäude danach genutzt werden soll, ist noch unklar. Es gibt auch andere Schicksale: Eines der bekanntesten Gebäude Müthers, das Restaurant „Ahornblatt“ im Zentrum Berlins, ist im Jahr 2000 abgerissen worden. Der jüngste Abriss geschah nach Ludwigs Worten vor zwei Jahren in Ralswiek auf Rügen. „Es handelte sich um eine hölzerne Konzertmuschel von Müther mit geschwungener Schalenkonstruktion auf dem Gelände der Störtebeker-Festspiele“, sagt er. Der Bau habe nicht unter Denkmalschutz gestanden.

Der „Teepott“ neben dem Leuchtturm von Warnemünde hingegen ist ein beliebter und für den Tourismus genutzter Blickfang. Ein futuristischer Rettungsturm am Strand von Binz ist heute Standesamt und wird derzeit saniert. Die Konzertmuschel von Sassnitz wird nach Ludwigs Worten ebenfalls restauriert und soll wieder in ihrer alten Funktion genutzt werden.

Das Müther-Archiv wird aufgearbeitet und soll neu eingerichtete Archivräume im Dachgeschoss der Fakultät Gestaltung bekommen. Ludwigs Pläne gehen noch weiter: Er will weitere bauingenieurtechnische und architektonische Leistungen aus dem Norden der ehemaligen DDR aufspüren und im Archiv für die Zukunft bewahren.

Ein Beispiel dafür ist die „REH“, die „Raumerweiterungshalle“, die vielerorts in der DDR zu finden war. Dabei handelte es sich um eine Leichtbauhalle aus bis zu acht teleskopartig ausziehbaren Tunnelelementen. Ineinandergeschoben konnten die Elemente einer ganzen Halle auf einem Lastwagen-Anhänger transportiert werden. „Hergestellt wurde die „REH“ von einer Firma in Boizenburg“, sagt Ludwig.

Viele der nach der Wende noch vorhandenen Exemplare seien verschrottet worden. Ludwig will die „REH“ vor dem Vergessen bewahren. Die Hochschule Wismar könnte sich gut vorstellen, dass auch der Nachlass des Boizenburger Firmengründers in das Müther-Archiv aufgenommen wird, sagt er. (dpa)

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