• Einstellungen
Sonntag, 08.07.2018

Die alten Männer und die Hüte

Guns N‘ Roses spielten am Samstagabend vor rund 40 000 Fans das größte Rockkonzert des Jahres in Sachsen – und zogen ihre mehr als dreistündige Show ohne Verschnaufpause durch.

Von Viktor Dallmann

Bild 1 von 3

Axl Rose
Axl Rose

© Andreas Weihs

Slash
Slash

© Andreas Weihs

Rund 40000 Fans bejubelten Guns N‘ Roses.
Rund 40 000 Fans bejubelten Guns N‘ Roses.

© Andreas Weihs

Leipzig. Die Nachmittagssonne drückt in den Nacken, die Schattenplätze am Rande der Leipziger Festwiese oder vor den unzähligen Fressständen sind lückenlos besetzt. Und genauso wie im Schatten, mischt sich am Samstagabend auch im stehenden Publikum so ziemlich jeder vorstellbare Menschentyp untereinander. Neben einer Sternchentattoo-Mädelsgruppe stehen zwei langhaarige Kerle mit bunt bebügelter Metalkutte. Daneben, mit etwas Abstand wiederum, ein älteres Ehepaar, händchenhaltend: sie, raucht und trägt einen Michael Kors Rucksack; er, wippt in seinem Guns N‘ Roses-Shirt, das andeutungsweise lasziv über der Wampe spannt.

Als die Videobildschirme an der Bühne aufleuchten, ein animierter Panzer in alle Richtungen feuert, wenden sich zwei Kostümierte, die eben noch am Bierstand warteten – Stirnband-Axl und Filzhaar-Slash nämlich – schnurstracks zur Bühne. Die Show beginnt, aus den Lautsprechern tönt: „Please Welcome Guns N‘ Roses“ und die Menge jubelt.

Slash und sein Gitarristen-Kollege Richard Fortus, Bassist Duff McKagan und Schlagzeuger Frank Ferrer positionieren sich fix auf der Bühne, als letzter kommt Axl Rose hinzu, an dessen Hals zwei funkelnde Kreuzketten baumeln. Beim ersten Song „It’s So Easy“ flattert Axls Stimme noch dünn, gerade wenn die leicht übersteuerten Gitarrenriffs scherbeln. Dennoch ist Rose von Anfang an präsent. Seine Pilotenbrille reflektiert die Sonne, seinen Mund reißt er beim Singen so weit auf, dass der rote Schaumstoff des Mikrofons fast zwischen seinen Zähnen verschwindet. Die Meute, das ist vielleicht der Hitze geschuldet, ist zunächst trotzdem recht bewegungsscheu. Als dann aber „Welcome To The Jungle“ einsetzt, legt es bei den meisten den Schalter um. Slash – in Tanktop, engen Lederhosen und dem bewährten Zylinder – fiedelt virtuos und aus der Menge ragen gehörnte Hände. Ein seichter Wind bläst die Akkorde über die Festwiese, eine Gruppe mit roten Einstecktüchern posiert kreischend für ein Foto.

Währenddessen verschwindet Axl Rose kurz hinter der Bühne, als er wieder kommt, trägt er über seinem roten Stirnband eine Trucker-Kappe und hat außerdem sein T-Shirt gewechselt.

Song reiht sich an Song, schließlich gibt es davon reichlich nach 33 Jahren Bandgeschichte. Statt Publikumsansprache schießt es hinter der Band Feuerfontänen in die Höhe. Die Songs schließen nahezu lückenlos aneinander an, dazu inszeniert sich Axl Rose‘ als kleidertauschender Kaiser – rastlose, energetische Bilder.

Ein Mädchen schunkelt zaghaft neben ihren Eltern und spuckt dabei rhythmisch, wenn auch leicht unbeholfen, auf den Boden vor sich. Wie als hätte Slash es geahnt, erscheint seine Silhouette auf der Videoleinwand, er blickt von seiner doppelhalsigen Gitarre auf, ohne sein mustergültiges Solo zu unterbrechen, und spuckt auf den Bühnenrand. Bei all den Kippenstummeln, die an diesem Abend sorglos auf den ausgedörrten Boden geworfen werden, dient das bestimmt dem Brandschutz.

Axl verschwindet indes nochmal hinter der Bühne, kommt ohne Sonnenbrille, dafür aber mit neuem Shirt, weißer Lederjacke voller Reißverschlüsse und großem, konkurrenzfähigem Hut zurück auf die Bühne, um „Sweet Child Of Mine“ zum Besten zu geben. Mit der Zeit hebt sich seine Kopfstimme kräftiger gegen die Gitarren ab, wahrscheinlich haben sich die Ohren an die Lautstärke gewöhnt.

Nach wohlproportionierten Cover-Versionen von Pink Floyds „Wish You Were Here“ und Soundgardens „Black Hole Sun“, wechselt Rose nochmal Shirt und Kopfschmuck – jetzt ziert ihn ein beiger Cowboyhut. Frisch aufgebrezelt, geben Guns N‘ Roses den Fans nach über zwei Stunden Show dann das, wonach sie sich alle verzehren: „Knockin‘ On Heaven’s Door“. Ein paar Biere werden verschweppert und ein paar Feuerzeuge gezückt, langsam ist es auch dunkel genug, um die Bühnenbeleuchtung richtig zur Geltung zu nehmen. Auf den Videoleinwänden drehen sich animierte Roboter mit Hüten oder Totenköpfe oder Knarren und bilden wild flackernde Mandalas.

Es geht fließend in die Zugabe über, die mit dem Song „Patience“ (zu deutsch: „Geduld“) beginnt, das könnte ein Witz sein, mussten die Fans doch Geduld beweisen, bis die generationenüberspannenden Hits von der Bühne dröhnten.

Zum Abschluss wird es dann nochmal furios: „Paradise City“ singt fast jeder mit. Einige hundert Leute warten schon nahe des Ausgangs, um als erste beim Auto und schneller aus dem Stau zu sein, da gibt es nochmal kräftig Feuerwerk und Konfettiregen. Nach über drei Stunden Show, klingt Slashs Gitarre langsam aus. Axl Rose kreischt „Thank You“ in sein Mikrofon, bevor er es in die Menge wirft. Guns N‘ Roses haben bewiesen, dass sie keine eingerostete Ü50-Truppe sind, sondern es auf der Bühne mindestens so lange aushalten, wie die Fans davor.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.