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Samstag, 09.06.2018

Deutschland ist mein Lieblingsland

Wladimir Kaminer erzählt von seiner Einwanderung und von einer Freikarte in die Unsterblichkeit.

Immer wieder Russendisko: der Schriftsteller Wladimir Kaminer
Immer wieder Russendisko: der Schriftsteller Wladimir Kaminer

© dpa

Mit seinem Debüt „Russendisko“ gelang Wladimir Kaminer vor 18 Jahren der Durchbruch. Inzwischen liegt die Auflage seiner Bücher und Hörbücher allein im deutschsprachigen Raum bei mehr als 3,7 Millionen Exemplaren. Der 50-Jährige, der in Moskau geboren wurde, lebt seit 1990 in Berlin. Sein neues Buch „Ausgerechnet Deutschland – Geschichten unserer neuen Nachbarn“ steht seit Wochen auf den Bestsellerlisten. Kaminer ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Wir sind alle Syrer“ – wie meinen Sie das?

Hinter jeder Familiengeschichte steckt zumindest zum Teil eine Flüchtlingsgeschichte. Schauen Sie meine Familie an: Meine Mutter musste 1941 aus Moskau flüchten, meine Schwiegereltern entkamen 1991 aus Grosny, und ich selbst habe 1990 als Flüchtling in Ostberlin um humanitäres Asyl gebeten. Gegen das Schicksal der syrischen Kriegsflüchtlinge ist meine Geschichte natürlich ein Witz, und ich hatte viel Glück. Aber ich kenne das Gefühl, in einem neuen Land von vorne zu beginnen. Manche der jungen Syrer erinnern mich an mich selbst. Die wollten einfach nur raus aus ihrer engen Welt und haben den Ehrgeiz, sich ganz neu auf die Probe zu stellen.

Welches Bild hatten Sie von Deutschland, als Sie sich auf den Weg in den Westen gemacht haben?

Literatur und Musik waren die Köder, die uns aus der Heimat lockten. Die Kunst und die Kultur des Westens, so dachten wir, wollten nicht bessere Menschen aus uns machen oder uns erziehen wie im Sozialismus. Vielmehr erschienen sie uns als ein großes, freies, buntes Abenteuer. Da wollten wir hin. Der Westen war wie eine verbotene Frucht.

Wie erlebten Sie dann die Realität?

Es war eine fremde, spießige, kleinbürgerliche Welt, die auf uns wartete. Sie hatte Angst vor Fremden und keine Lust auf Abenteuer. Sie war bei Weitem nicht so spannend und interessant wie in den Büchern. Wir sind aber trotzdem geblieben. Und es gab auch positive Seiten: Am Tag meiner Ankunft wurde Deutschland Fußballweltmeister – alle waren gut drauf und hatten Bierflaschen in der Hand. Also kaufte ich mir auch eine.

Blicken Sie inzwischen positiver auf Deutschland?

Auf jeden Fall! Das Land hat sich unglaublich entwickelt, in jeder Hinsicht. Daran kann auch die AfD nichts ändern. Die Vereinigung mit den anderen europäischen Staaten in der EU hat viel gebracht. Natürlich kann man die ökonomisch-politische Ausrichtung der EU kritisieren, aber kulturell ist Deutschland durch sie einen Riesenschritt nach vorne gekommen. Ich fühle mich hier sehr zu Hause, freue mich nach meinen Reisen immer aufs Zurückkommen und kann aus voller Überzeugung sagen: Deutschland ist mein Lieblingsland!

In „Ausgerechnet Deutschland“ schreiben Sie über skurrile Situationen im Umgang mit Flüchtlingen. Keine Bedenken, das heikle Thema aufzugreifen?

Nein, denn ich suche immer nach menschlichen Tragödien, um darüber lachen zu können. Das lustvolle Scheitern ist so eine Sache, die mir sehr gut gefällt. Und nachdem Tragödien vor allem dort entstehen, wo zwei Welten aufeinanderprallen, die einander überhaupt nicht kennen, ist die sogenannte Flüchtlingskrise genau mein Thema. Dazu kam noch, dass in dem brandenburgischen Dorf, in dem ich lebe, Flüchtlinge einquartiert wurden. Ich konnte sie und die Reaktionen auf ihre Ankunft aus nächster Nähe beobachten. Doch die Realität ist einfach zu skurril: Kaum hatte ich das Buch geschrieben, waren die Flüchtlinge schon wieder weggeflüchtet.

Ist das ein Scherz?

Nein. Die Syrer aus unserem Dorf sind nach Cottbus gezogen, weil sie plötzlich dort ihre Zukunft zu sehen glaubten. Dann wollten sie wieder zurück zu uns. Ihr Familienoberhaupt bereute den Umzug und sagte, die Zukunft läge auf keinen Fall in Cottbus. Jetzt weiß aber keiner, ob das überhaupt geht mit dem Zurückgehen.

Das Glück liegt also auch für Flüchtlinge immer anderswo.

Ganz genau. Es bleibt eine der großen Illusionen, dass man woandershin muss, um glücklich zu sein. Es gibt immer mehr Flüchtlinge und Urlauber – alle wollen weg. Doch die Flüchtlinge von heute können die Urlauber von morgen sein, und umgekehrt. Solange wir aber nicht verstehen, dass die Erde rund ist und wir immer wieder an den gleichen Stellen rauskommen, mit den gleichen Problemen, hat das keinen Sinn.

Die Deutschen gelten als Reiseweltmeister. Flüchten sie vor der Realität?

Ich glaube, das ist kein typisch deutsches Phänomen. In der Sowjetunion erzählte man sich eine Anekdote zu diesem Thema: Ein alter russischer Jude wanderte nach Israel aus, kehrte aber bald wieder in die Sowjetunion zurück. Das wiederholte sich mehrere Male, sodass der Grenzpolizist meinte: Sie müssen sich mal entscheiden, wo es Ihnen am besten gefällt! Daraufhin der Alte: Das weiß ich doch: unterwegs!

Sie haben 24 Bücher geschrieben. Wie fühlt es sich an, auf so viele Erfolge und Geschichten zurückzublicken?

Meine Bücher sind wie die Geschichte meines Lebens, die immer weiter geschrieben wird. Alle Bücher gehen ineinander über. Aufmerksame Leser werden die Verbindungen erkennen. Da ich auch viel über meine Kinder geschrieben habe, etwa über ihr Erwachsenwerden, fallen mir die Veränderungen nun besonders auf. Es ist wunderbar, auf all das zurückzublicken.

Haben sich Verwandte oder Freunde beschwert, dass Sie über sie schreiben?

Meistens freuen sie sich darüber. Es ist ja auch eine Art Freikarte in die Unsterblichkeit. Als Menschen stehen wir nur für eine bestimmte Zeitspanne im Leben, dann ist es aus. Die Figuren in meinen Geschichten überleben – das ist etwas Besonderes.

Wo finden Sie die besten Geschichten?

Es ist wie beim Pilzesammeln: Man kann ein erfahrener Sammler sein und die besten Stellen im Wald kennen – ob man aber die besten Pilze wirklich findet, steht in den Sternen. Ich habe gelernt, wie man Geschichten im Alltag erkennt, und ich weiß, wie man sie aufschreibt. Ob sie allerdings wie die Pilze nach der Zubereitung auch schmecken, kann ich nicht vorhersehen.

Interview: Günter Keil

W. Kaminer: Ausgerechnet Deutschland – Geschichten unserer neuen Nachbarn.
Goldmann, 240 S.,13 Euro

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