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Samstag, 15.09.2018

Das durstige Rotkehlchen

Darja Eßer erhält den Robert-Sterl-Preis für ihre Zeichenkunst. Sie weiß aber auch, wie man Hörspiele produziert.

Von Uwe Salzbrenner

Darja Eßer in ihrer Ausstellung im Robert-Sterl Haus.
Darja Eßer in ihrer Ausstellung im Robert-Sterl Haus.

© Robert Michael

Einige Zeichnungen von Darja Eßer folgen einem simplen Prinzip: Die auf Aquarellpapier im Umriss dargestellten Wesen und Objekte saugen sparsam hinzugefügte Farbe gierig auf. Das Rotkehlchen könnte die rote Farbe genussvoll getrunken haben. Der unbetitelte Kahlkopf trägt nach einem ähnlichen Exzess die Lippenpartie noch dick verschmiert. Selbstgenähte Schuhe aus Papier verstärkten die Vorstellung eines Schutzes und eines Gefäßes. Genauer gesagt: eines Prozesses, der einen schützt, indem man etwas ausströmt, aufbewahrt oder zu sich nimmt. In gleicher Geste, ebenfalls auf und mit Papier, hat Eßer im vorigen Jahr ihr Diplom entwickelt. Zum Thema Atem und Lunge gehörte eine Landkarte als Gewand, das an ein Reiseerlebnis erinnert.

Zu sehen waren Eßers Arbeiten schon in der Dresdner Galerie Drei. Jetzt hat die Künstlerin die Chance, sich erneut vorzustellen: Wegen der Qualität ihrer Kunst und der Freiheit im Umgang mit dem Material erhält die 31-Jährige den diesjährigen Robert-Sterl-Preis für Meisterschüler der Hochschule für Bildende Künste Dresden.

Aus dem Spiel heraus

Vom Elternhaus bekam Eßer die Maßstäbe guten Handwerks mit. Die Mutter malt ebenfalls. Der Vater baut Massivholzmöbel, Fenster, Türen und Treppen, hat eine Schreinerfirma in der Nähe von Bonn. Nach dem Abitur an der Waldorfschule ist die Entscheidung dennoch schwierig: Darja Eßer interessiert sich damals sowohl für psychologische Themen als auch für die Kunst. So beginnt sie 2008 ein Studium der Kunsttherapie an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen und schließt es viereinhalb Jahre später mit Diplom ab. Längst ist ihr jedoch das eigene Schaffen wichtiger. Ein Praktikum bei einem Therapeuten, der auch Maler ist, bestärkt sie in ihrer Entscheidung für ein zweites Studium der Kunst. In Nürtingen hat sie bereits ein eigenes Atelier nutzen können, hat begonnen, ihre künstlerische Sprache zu entwickeln.

Diese erste Sprachform ist die Malerei, in Eitempera und mit selbst angerührten Pigmenten, Figuren wie Themen dicht überlagernd. An der HfBK Dresden will Eßer ab 2013 die entsprechenden Fertigkeiten vertiefen. Sie nutzt ausgiebig die Kurse im Aktzeichnen, später in Kalligrafie. Die Übungen am ähnlichen Objekt, am immer gleichen Zeichen verändern ihre Kunst. Führen zur reduzierten Zeichnungen im kleinen Format, bald zum Interesse am weißen Papier, dem Raum auf dem Blatt. Frei bleibt dies nach wie vor durch den Schaffensprozess. „Vieles entsteht bei mir aus dem Spiel heraus“, kommentiert Eßer. Was in die Arbeit einfließt, entstammt oft dem, was sie draußen sieht: in den Fenstern, auf dem Fußboden, in der Natur. Zuletzt versieht sie mithilfe eines Siebdruckrahmens einige ihrer Zeichnungen auf handgeschöpftem Japanpapier mit durchscheinenden Faserlagen.

In ihrer Karriere fallen ein paar Dinge auf: Offenkundig sucht sich die Künstlerin sorgfältig aus, wer oder was ihrem Schaffen dient, sie fordert und voranbringt. Sie nennt zu jeder Station den Lehrer: Sandor Dóró für die Anatomiestudien, Peter Bömmels, den Professor ihrer Fachklasse, Andreas Schmid, den Gastdozenten für Kalligrafie, Christiane Oertel, an der Hochschule verantwortlich für die Handeinbandwerkstatt und für die Unterstützung bei allen Arbeiten mit Pappe und Papier. „Man kriegt was mitgegeben“, sagt Eßer. Dass sie ein Auslandsjahr an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Brüssel einschiebt – in einer Klasse fürs Zeichnen – und dann noch verlängert, passt ins Bild. Am Ende hat sie bloß drei Monate Zeit fürs Diplom. Seither ist Eßer Meisterschülerin bei Monika Brandmeier und baut auch räumliche Gebilde aus Papier: einen Rucksack, die genannten Schuhe, eine selbst bemalte Weltkugel.

Die vertiefte Ausbildung in mehreren Bereichen gibt ihr zudem die Möglichkeit, auch neben dem Zeichnen und Modellieren für die Kunst zu wirken. Darja Eßer leitet mittlerweile selbst Workshops. Im Herbst wird sie im heimatlichen Bonn mit Jugendlichen an einem Hörspiel zum Stadtraum arbeiten. Bereits im Vorjahr hat es dort ein ähnliches Kunstprojekt gegeben, eine Installation aus bemalten Leinwänden. Bei solchen Initiativen, die zu ihren Fähigkeiten passen, bietet sie gern ihre Mitarbeit an. Eßer schätzt das Gefühl, dass etwas sinnvoll ist; dass es gut ist, was sie tut.

Zur Schau im Robert-Sterl-Haus muss sie für die gute Platzierung des eigenen Werks stärker auf die Zimmer reagieren. Kein Problem: „Meine Zeichnungen können allein stehen oder in einen neuen Bezug gebracht werden.“ Der heißt im Ausstellungstitel „Eine Stelle in der Welt“ und meint die Umgebung des Sterl-Hauses als Wandergebiet, überdies die Wahrnehmung von Details aus der Natur. Eßer hat ja nicht allein die rot sich vollsaugenden Figuren in ihrem Vorrat, die Beutel und Lungenflügel aus Papier. Sondern auch Zeichnungen, die ihre Waldspaziergänge reflektieren: handgroße Blätter von Laubbäumen, zerzauste Farne, die gewölbten und gemusterten Ovale von Wassertieren.

Seit 1997 vergeben die Sammelstiftungen des Bezirkes

Dresden und die HfBK Dresden jährlich den Robert-Sterl-Preis für Meisterschüler. Die Ausstellung von Darja Eßer im Robert-Sterl-Haus Naundorf/Struppen (S-Bahnhof Stadt Wehlen) ist bis 31. Oktober zu sehen, Do – So, 10 – 17 Uhr. Vernissage ist diesen Sonntag, 11.15 Uhr.

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