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Samstag, 08.09.2018

Das Dorf in uns

Von Katja Solbrig

Der Wolf – kein anderes Tier ruft in uns die Reflexe wach, die über Jahrhunderte eingeübt wurden. Wer Schafe reißt, bedroht die menschliche Ordnung, und wer Schafe reißt, der macht bei denen längst nicht halt! Der Wolf ist am Rande des Dorfes gesehen worden, das Dorf ist außer sich, es hält zusammen in diesen dunklen Stunden der Gefahr. Und Dieter soll es retten. Dieter ist der ehemalige Revierförster, der hier so viel zählt wie in anderen Landstrichen der Pfarrer. Dem neuen Revierförster, der eine Frau ist, dazu jung und aus der Stadt, dem oder der trauen sie nicht zu, das Problem zu lösen. Denn die ist nicht von hier und kann deswegen die Problemlage gar nicht erkennen.

„Dieter und der Wolf“ ist das jüngste Werk aus der Feder von Theaterkahn-Intendant Holger Böhme, er hat es Schauspieler Peter Flache auf den Leib geschrieben und auch die Regie übernommen. Ein eineinhalbstündiger Monolog, in dem Flache alias Dieter das Dorf, also die Welt erklärt: aus zoologischer Sicht, schließlich hat er Forstwirtschaft studiert und kennt sich aus mit dem Wald und den Tieren; aus demokratietheoretischer Sicht, denn er hat schließlich den Vergleich zwischen früher und heute. Und aus der Sicht des einsamen Wolfes. Denn nicht nur der von ihm Boris getaufte Wolf ist ein Außenseiter, auch Dieter als unehelicher Sohn von einer, die nicht von hier stammt, gehört nicht dazu, sondern beobachtet vom Rande des Dorfes. Das aber genau, er hat ein Fernglas.

Peter Flache als ehemaliger Revierförster ist ganz wunderbar, wenn er im schönsten Dialekt vor sich hingrantelt, auf die Verwaltung, die Städter, die neue Revierförsterin, die Demokratie schimpft, wenn er über das Leben sinniert, die ungenutzten Möglichkeiten. Denn natürlich geht es um viel mehr als um den Wolf, es geht auch um Marianne. Um Gemeinschaft. Es geht „um das Dorf in uns“. Flache schafft es, diesen scharfzüngigen, pointierten Text gekonnt auf die Bühne zu bringen, die Spannung zu halten bis zum dann doch nicht so überraschenden Schluss.

Komödie von befreiender Wirkung

Wahrscheinlich kann man in diesen Zeiten nicht anders, als politisch höchst wachgerüttelt ins Theater zu gehen. Je länger man darüber nachdenkt, desto seltsamer erscheint es, sich über das Geschehen auf der Bühne so amüsiert zu haben. Die Wirklichkeit, der Autor und Regisseur Holger Böhme so genau aufs Maul geschaut hat, ist ja gerade alles andere als komisch, der Held ein tragischer, die Geschichte dieses einsamen Wolfes auch. Aber Komödie hatte schon immer eine befreiende Wirkung. Deshalb: Reingehen, mal zwei Stunden lachen und sich danach der Realität wieder ein wenig entspannter stellen!

Wieder am: 12. und 30.9. sowie 6.10., je 20 Uhr,

Theaterkahn Dresden. Karten: 03514969450

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