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Montag, 13.08.2018

Alles ist gut

Die Jury des 71. Filmfestivals in Locarno hat so überraschend wie klug entschieden. Auch das deutsche Kino hat Erfolg.

Von Peter Claus

Der Goldene Leopard ist der Hauptpreis des Internationalen Filmfestivals von Locarno. Überraschungssieger dieses Jahr wurde der Spielfilm „A Land Imagined“ von Regisseur Yeo Siew Hua aus Singapur.
Der Goldene Leopard ist der Hauptpreis des Internationalen Filmfestivals von Locarno. Überraschungssieger dieses Jahr wurde der Spielfilm „A Land Imagined“ von Regisseur Yeo Siew Hua aus Singapur.

© dpa/Jean-Christophe Bott

Pro und Contra auf den Partys und in den Bars am Lago Maggiore: Die zum Abschluss des 71. Internationalen Filmfestivals Locarno verkündeten Jury-Entscheidungen lösten heiße Diskussionen aus. Vor allem die Vergabe des Goldenen Leoparden an den Spielfilm „A Land Imagined“ von Regisseur Yeo Siew Hua (Singapur) hat überrascht. Doch alle stimmen dem Festivalfazit des scheidenden künstlerischen Leiters und künftigen Berlinale-Chefs Carlo Chatrian zu, der zum Abschluss resümierte: „Es war eine reiche Ausgabe, ohne Berührungsängste. Lächeln und Nachdenklichkeit schlossen sich nicht aus.“

Wobei der Gewinner des Goldenen Leoparden vor allem Nachdenklichkeit auslöst. Der Film erzählt in einer raffinierten Montage von Thriller, Lovestory und Dokumentation die Geschichte eines Polizisten auf der Suche nach einem verschwundenen Leiharbeiter. Die spannende Geschichte mündet in eine kompromisslose Kritik an der Ausbeutung. Mit dem Film zeichnete die Jury einen in seiner Verbindung von Publikumswirksamkeit und Gesellschaftskritik für diesen Festivaljahrgang typischen Film aus.

Der Preis für die beste Regie an die Chilenin Dominga Sotomayor für ihr 1990er-Jahre-Gesellschaftspanorama „Zu alt, um jung zu sterben“ (Chile/Brasilien/Argentinien/Niederlande) überraschte umso mehr. Denn bei aller Detailfreude, mit der die Regisseurin und Drehbuchautorin auf den Alltag in Chile nach dem Ende der Militärdiktatur schaut, kommt der Film nicht über das Niveau eines launigen Episodenreigens hinaus.

Ungeteilten Beifall erhielt die Vergabe des Spezialpreises der Jury an den einzigen Dokumentarfilm im Hauptwettbewerb: „M“. Die französische Regisseurin Yolande Zauberman beleuchtet darin sensibel und ohne Sensationsgier den Kindesmissbrauch in einer ultraorthodoxen Gemeinschaft in Israel. Der Film beeindruckt, weil er ausgehend von erschütternden Einzelschicksalen fragt, wieso es in einer auf Harmonie und Frieden ausgerichteten Gemeinschaft zu unmenschlichem Verhalten kommen kann. Gerade weil Yolande Zauberman keine vorschnellen Antworten gibt, ist das ungemein wirkungsvoll.

Vielfach großes Unverständnis löste die Ehrung der jungen Rumänin Andra Guti als beste Schauspielerin für ihre Gestaltung der Titelrolle in „Alice T.“ (Rumänien/Frankreich/Schweiz) aus. Viele Kritiker und Zuschauer waren sich einig, dass die Debütantin der komplizierten Rolle einer ziellos rebellierenden Jugendlichen nicht gewachsen und von Regisseur Radu Muntean nicht genug geführt worden war.

Die Ehrung des Südkoreaners Ki Joobong in „Das Hotel am Fluss“ (Südkorea) hingegen war erwartet worden und fand große Zustimmung. Der Schauspieler zieht die Zuschauer mit seinem hintergründigen Porträt eines Dichters, der am Ende seines Lebens auf eigenes Versagen zurückschaut, geradezu magisch in den Bann.

Das deutsche Anti-Terrorismus-Drama „Wintermärchen“ (Regie: Jan Bonny) um drei den NSU-Tätern nachempfundene Rechtsradikale ging bei der Preisgabe unverdientermaßen leer aus.

Aber das deutsche Kino hatte Erfolg in der Newcomern vorbehaltenen Sektion „Filmemacher der Gegenwart“: „Alles ist gut“ von Regisseurin Eva Trobisch wurde als bester Debütfilm ausgezeichnet. Das Anfang Juli auf dem Filmfest München mit Preisen bedachte Drama um eine junge Frau in einer Krise konnte verdientermaßen auch auf internationalem Parkett einen Erfolg verbuchen. Eva Trobisch, die in Locarno ihren 35. Geburtstag feierte, gibt die Auszeichnung ein gutes Gefühl, weil auch andere dasselbe interessiere und umtreibe wie sie selbst. Sie hofft, dass der Film, der am 27. September im Kino startet, nun vielleicht einem breiteren Publikum zugänglich wird.

Mag am Ende auch die eine oder andere Auszeichnung Verwunderung auslösen, stimmen doch viele Festivalbesucher dem Fazit des scheidenden künstlerischen Leiters Carlo Chatrian zu: „Die preisgekrönten Filme erzählen von einer Welt, in der noch immer der Mensch das Maß aller Dinge ist.“ Dabei begeistere, so Chatrian, die Vielfalt der Formen und Erzählweisen.

Die Balance von Kunst und Kommerz ist Chatrian exzellent gelungen. Damit empfahl er sich noch einmal nachdrücklich für seine berufliche Zukunft. Gemeinsam mit der von German Films, der Auslandsvertretung des deutschen Kinos, kommenden Mariette Rissenbeek wird Carlo Chatrian ab 2020 die Internationalen Filmfestspiele in Berlin leiten. (dpa)

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