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Donnerstag, 07.06.2018

Alles Gold, was glänzt

Der 300. Hochzeitstag von Friedrich August und Maria Josepha wird barock gefeiert: Mit der Einweihung der rekonstruierten Paradesäle im Dresdner Schloss.

Von Birgit Grimm

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Noch ist dieser Blick ins barocke Audienzgemach des Dresdner Schlosses eine Vision. Im September 2019 soll sie jedoch Realität geworden sein.
Noch ist dieser Blick ins barocke Audienzgemach des Dresdner Schlosses eine Vision. Im September 2019 soll sie jedoch Realität geworden sein.

© Michael Schneider, SIB Niederlassung Dresden

Die Kinder aus Bautzen müssen den Ministerpräsidenten irgendwo überholt haben. Sie stürmen kurz vor Michael Kretschmer durchs offene Baustellentor in den Großen Schlosshof, um sofort wieder hinauskomplimentiert zu werden. Sachsens Regierungschef nimmt die Kids wieder mit hinein. „Seht euch in Ruhe um“, sagt er zu den Jungen und Mädchen von der Bautzener Montessori-Schule. Zu den wartenden Journalisten sagt er: „Dafür machen wir doch das hier alles, damit auch künftige Generationen sich dran erfreuen können.“

Der Wiederaufbau des Dresdner Schlosses geht nach 28 Jahren in die Endphase. Im September kommenden Jahres sollen die barock rekonstruierten Audienzgemächer im Westflügel des Schlosses wieder im barocken Glanz erstrahlen. Diese Formulierung – zu oft gehört, zu oft missbraucht – ist in diesem Fall keine Floskel. Davon überzeugten sich am Mittwochvormittag Sachsens Ministerpräsident Kretschmer, Finanzminister Haß und eine Vertreterin des Bundes, der den Schlosswiederaufbau finanziell mit vorantreibt. Matthias Haß freute sich denn auch als Einwohner von Dresden über die „bedeutenden Sammlungen von Weltrang und die große Touristenattraktion“. Als Finanzminister beeindruckt ihn besonders, dass die größte, bedeutendste und wohl langwierigste Kulturbaustelle im Freistaat aller Voraussicht nach im Kostenrahmen bleibt: 382 Millionen Euro sind insgesamt veranschlagt. Der aktuelle Bauabschnitt – die Wiederherstellung der Paraderäume – kostet 34,4 Millionen Euro. Zwölf Millionen Euro kommen aus der Kasse des Bundes.

Es soll, es muss gut werden. Der Anspruch ist enorm. Fadengetreue Rekonstruktion ist so ein Begriff, den der Wiederaufbau des Dresdner Schlosses hervorbrachte. Sabine Schneider hat ihn „erfunden“. Die Textilrestauratorin ist Expertin für die samtseidensilbergoldenen Ausstattungen der Gemächer. August der Starke ließ die Räume mit den prunkvollsten Stoffen gestalten, die man damals in Paris und in Leipzig herstellen konnte: Anderthalb Kilometer roter und grüner Seidensamt, dreieinhalb Kilometer Goldtressen werden das Paradegeschoss wieder schmücken. Achtzig Prozent sind noch erhalten, der Rest wird nach alten Handwerkstechnologien und mit edlen Materialien fadengetreu neu hergestellt. Die Originale kommen wieder an den originalen Platz, das Neue wird sich zu erkennen geben.

„Für die Rekonstruktion des Paradebetts lieferte der Bettpfosten die DNA“, sagt Schlossdirektor Dirk Syndram. Der Pfosten steht jetzt etwas verloren in der Textilwerkstatt und sieht noch verlorener aus, wenn man weiß, dass dieses Bett ausschließlich Prunk war, also pure Angeberei. Das Paar zerwühlte woanders die Laken. Fünfzehn gemeinsame Kinder hatten Friedrich August und Maria Josepha, doch nur elf überlebten das Kindesalter.

Barockes Lebensgefühl

Zurück zum Jahr 1719, in dem August der Starke seinen Sohn mit der österreichischen Kaisertochter verheiratete. Der Kurfürst lief bei der Vorbereitung in Sachen Repräsentation zur Höchstform auf. Vom Schönsten nur das Beste. Gefeiert wurde vier Wochen lang. Zuvor waren die Paradesäle neu ausgestattet worden. Die Malereien hatte kein Geringerer als der Hofmaler Louis de Silvestre ausgeführt.

Restaurator Dietrich Richter arbeitet seit zwei Jahren in Dresden daran, dem Meister die Geheimnisse abzulauschen. Auch hier sind es die alten Farben und die Technologien, die erforscht und ins Heute übersetzt werden müssen. Ihm liegen Fotografien aus den Jahren 1943/44 vor. Experten wie der frühere Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister, Harald Marx, und die Restauratoren der Gemäldegalerie geben ihr Wissen über de Silvestres Malweise weiter. Richter macht Studien, Skizzen, Proben. Kann man das Lebensgefühl eines Louis de Silvestre erlernen? Man kann ihm nur nahekommen.

Im Schlafgemach ist reichlich einen Meter über dem Boden bereits die grundierte Leinwand für das Deckengemälde aufgespannt. Dietrich Richter wird auf einem Gerüst auf dem Bauch liegend malen. Das fertige Gemälde wird dann in dem Raum, den es fast ausfüllt, umgedreht und an der Decke platziert. Wie hat Louis de Silvestre das einst gemacht? Vermutlich lag er rücklings auf einem Gerüst dicht unter der Decke. Oder er hat stehend über Kopf gemalt. Wie lange kann man in so einer Haltung malen, ein Kunstwerk erschaffen?!

In der Schlosskapelle, wo zahlreiche Besucher unter dem Schlingrippengewölbe Theateraufführungen und Konzerte erlebten und zuletzt die Ausstellung über den Görlitzer Schuster-Philosophen Jakob Böhme sahen, arbeiten neben den Künstlern der Paraderäume auch die Restauratoren, die den Großen Schlosshof in einer aufwendigen Putzkratztechnik ausmalten. Nun wagen sie sich an die farbigen Fresken des Altans. Der Schlosshof bekommt sein altes Sandsteinpflaster zurück, und der Ministerpräsident freut sich schon auf die einmalige Atmosphäre, wenn der Hof für alle offen steht und man am Abend durchs Schloss in die Oper flanieren kann. „Sachsens Schatzmeister ist beeindruckt, wie Sachsens Staatsschatz wächst und wächst und wächst“, behauptet Kretschmer mit Blick auf seinen Finanzminister. Der nickt, und man sieht ihm nicht an, ob er denkt: Aber das kostet und kostet und kostet. Auch politisch wäre es ein Ritterschlag, wenn die Paraderäume 2019, im Jahr der Landtagswahl, fertig werden. Doch Zeitdruck wäre fatal. Gut muss es werden, gründlich muss man es machen, wenn sich auch die nächsten Generationen noch dran erfreuen wollen.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Otto Wuttke

    "Wenn Dresdner an ihrer Ehre gepackt werden, können sie dies nicht einfach zu den Akten legen" Mit diesen Worten begann Frau Grimm am 14.09.2003 einen Beitrag in der SZ zur Semperehrung. Recht hat Sie. Warum aber heißt es dann im obigen Artikel: "Der Wiederaufbau des Dresdener Schlosses geht nach 28 Jahren in die Endphase." Es gab in Dresden auch ein Leben vor 1990 und viele Leute die sich engagiert und aktiv in den Wiederaufbau des Schlosses eingebracht haben. Die muss eine solche Abwertung ihrer Arbeit einfach wütend machen. Solide Pressearbeit setzt erfordert wenigstens ansatzweise auch Recherche in der Sache voraus. Dann hätte man z.B. auch etwas über die Arbeit der Denkmalpfleger und die Arbeiten ab 1986 schreiben können. Deren Engagement wird aber mit solch oberflächlichen Bemerkungen einfach negiert.

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