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Dienstag, 07.08.2018

Alles für den Gesamtklang

Von Jörg Schurig

„Connections bis hin zu Studienaufenthalten“: Das sächsische Jugend-Jazzorchester ist Kaderschmiede für junge Musiker, die auf den diversen Reisen auch als Kulturbotschafter fungieren. Foto: Axel Schneider/dpa
„Connections bis hin zu Studienaufenthalten“: Das sächsische Jugend-Jazzorchester ist Kaderschmiede für junge Musiker, die auf den diversen Reisen auch als Kulturbotschafter fungieren. Foto: Axel Schneider/dpa

© dpa

Schon so manche Musikerkarriere hat im sächsischen Städtchen Colditz an Tempo zugelegt. Im hiesigen Schloss betreibt der Sächsische Musikrat die Landesmusikakademie, eine Weiterbildungsstätte für den Nachwuchs. Regelmäßig proben hier die Landesensembles des Freistaates, auch das Bundesjugendorchester war schon zu Gast. Wer in den vergangenen Tagen am Schloss vorbeikam, konnte etwas andere Töne vernehmen. In klassisches Spiel mischten sich harmonisch jazzige Klänge. Das Jugend-Jazzorchester (JJO) probte für sein Jubiläumsprogramm zum 25. Geburtstag. Es holte sich dafür auch Freunde aus dem Landesjugendorchester in die „Band“.

Der Komponist Clemens Christian Pötzsch, der früher selbst im JJO spielte, hat gemeinsam mit seinem Kollegen Paul Peuker ein größeres Werk zum Jubiläum verfasst. Das Stück „Three Atmospheres – A Suite for Large Ensemble“ hat an diesem Donnerstag bei der Colditzer Jazz-Night seine Uraufführung. An den beiden darauffolgenden Tagen wird es in Leipzig und Dresden aufgeführt. Dann geht es auf Tour nach London. Tourneen gehörten von Anfang an dazu, alle zwei Jahre geht das Jugend-Jazzorchester auf Reisen. „Wir sehen uns auch als Kulturbotschafter“, sagt Ulrike Kirchberg. Sie lenkt als Projektleiterin im Auftrag des Sächsischen Musikrates die Geschicke der Bigband. Zwischen 14 und
26 Jahren sind die jungen Musiker alt.

Mädchen in der Minderheit

In 25 Jahren hat die Band schon viel gesehen. Gastspiele führten die Musiker unter anderem nach Kanada, Griechenland, Indien, Skandinavien und Israel. Der große Traum für die Zukunft heißt Australien. Tourneen seien auch für den Zusammenhalt gut, sagt Kirchberg. In Schweden habe man einst auf dem Zeltplatz Windstärke 8 trotzen müssen: „So etwas schweißt die Band zusammen.“ Inzwischen speist sich die Bigband aus einem Pool von etwa
60 Musikern. Mädchen und Frauen sind klar in der Minderheit. Zweimal im Jahr kommt man zu Projekten zusammen. Einen festen Bandleader gibt es nicht mehr.

„Für jedes Projekt laden wir uns einen anderen künstlerischen Leiter ein“, sagt Kirchberg. Das habe den Vorteil, dass die jungen Musiker eine riesige Bandbreite musikalischer Farben kennenlernen könnten. Außerdem helfe das dabei, die Leute zu vernetzen. „Da entstehen Connections bis hin zu Studienaufenthalten.“ Unterdessen erhalte sie vermehrt Mails von Musikern, die gerne mal ein Projekt mit dem JJO machen würden. Mittlerweile kann man auf eine Zusammenarbeit mit gestandenen Jazzern verweisen, dafür stehen Namen wie Jürgen Friedrich, Carla Bley, Joe Sullivan, Rolf von Nordenskjöld oder Milan Svoboda.

In gewissem Sinne ist das Orchester ein West-Import, obwohl von Anfang an bekannte Ost-Jazzer die Leitung innehatten. Aber ein Ensemble, in dem sich die besten Nachwuchsjazzer eines jeweiligen Bundeslandes versammeln, gab es im Osten bis zur Wende schon aus strukturellen Gründen nicht. Zunächst mussten sich die ostdeutschen Länder wieder etablieren, die DDR war jahrzehntelang in Bezirke eingeteilt. Eberhard Weise vom Rundfunk-Tanzorchester Leipzig leitete das Ensemble zehn Jahre, auch der Posaunist Henry Walther und der inzwischen gestorbene Bigbandleader Manfred Kebsch wirkten hier.

Nicht alles lief reibungslos. Im zehnten Jahr des Bestehens wäre das JJO fast auseinandergebrochen, erzählt Kirchberg. Der Neuaufbau erfolgte auch unter anderen Prämissen. Der Fokus sollte nicht nur auf Musikstudenten liegen, sondern gleichermaßen auf Musikschulen. Heute gibt es eine Art Dreiteilung im Ensemble. Ein Drittel sind Musikstudenten, die an den ersten Pulten sitzen. Ein weiteres Drittel stammt aus Musikschulen des Landes. Der Rest sind hochbegabte junge Leute, die Musik später nicht unbedingt zum Broterwerb betreiben möchten, aber dennoch leidenschaftliche Jazzer sind. Die Mischung bringt es mit sich, dass auch die Fluktuation größer ist als früher.

Komponist Pötzsch war als 18-Jähriger dabei. Sein Vater hatte ihn frühzeitig mit Jazz infiziert, zu Hause liefen mit Vorliebe Platten etwa von Count Basie. Die Erfahrungen im Jugend-Jazzorchester prägten Pötzsch. „Ich hatte vorher immer allein gespielt. Deshalb war das Spiel im Ensemble schon ein Erlebnis für sich.“ Er habe gelernt, wie wichtig es ist, für den Gesamtklang zu arbeiten und nicht nur auf sich selbst zu achten. Manchmal habe er dabei magische Momente empfunden. Heute ist Pötzsch als Komponist und Pianist Profimusiker. Seine Lehrzeit im JJO möchte er nicht missen. (dpa)

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