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Sonntag, 12.11.2017

Aleppo, Dresden, Berlin

Das „Monument“ aus drei hochkant stehenden Bussen von Manaf Halbouni wird am Brandenburger Tor wissbegierig beäugt, aber nicht beschimpft.

Von Birgit Grimm

Hier der Reichstag, auf der anderen Seite die amerikanische Botschaft. Manaf Halbounis „Monument“ ragt an einem prominentem Platz in den Berliner Himmel.
Hier der Reichstag, auf der anderen Seite die amerikanische Botschaft. Manaf Halbounis „Monument“ ragt an einem prominentem Platz in den Berliner Himmel.

© dpa

Die jungen Herren sind zum Lästern aufgelegt: „Was soll‘n das? Wird das jetzt das neue Wahrzeichen von Berlin?“ fragt der eine grinsend. Der andere antwortet: „Klar. Das passt doch: ein Schrotthaufen.“ Am Brandenburger Tor steht seit dem Wochenende das „Monument“ von Manaf Halbouni, drei hochkant aufgerichtete Busse, die daran erinnern, wie sich Einwohner eines Viertels von Aleppo im Bürgerkrieg vor Heckenschützen verbarrikadierten.

Im Frühjahr spaltete das „Monument“ die Dresdner. Als es vor der Frauenkirche errichtet wurde, führte das zu massiven Protesten, wüsten Beschimpfungen, sogar Morddrohungen gegen den Künstler und gegen Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert.

Die Berliner, die ja sonst gerne meckern, nehmen die Installation am Wochenende vor allem neugierig zur Kenntnis. Manaf Halbounis Arbeit ist eins von hundert Kunstwerken beim 3. Herbstsalon. Den veranstaltet das Maxim-Gorki-Theater mit Ausstellungen, Performances, Bürgerforen, Theatergastspielen und Eigenproduktionen in diesem Jahr unter dem streitbaren Slogan „Desintegriert euch“. Der „OST“-Schriftzug, der jahrelang das Dach der Volksbühne erleuchtet hatte, ist nun ans Kronprinzenpalais Unter den Linden umgezogen und wird damit zu einem der Kunstwerke des Herbstsalons. Das darf man als freundliche, nicht als feindliche, Übernahme verstehen. Interessiert da eigentlich noch die erste Premiere der Spielzeit an der Volksbühne unter dem neuen, ungeliebten Intendanten Chris Dercon?

Zurück zum Brandenburger Tor. Der Platz des 18. März ist es am Samstag so, wie er immer ist: voller Touristen. Sie wandern umher, fotografieren – und staunen. Aber nicht über dieses frühklassizistische Triumph-Tor mit der Quadriga auf dem Dach. Und auch längst nicht mehr über die Tatsache, dass die Berliner hier vierzig Jahre lang nicht hindurchspazieren durften. Die Attraktion ist diese zwölf Meter hohe Skulptur auf der Westberliner Seite. Der politisch denkende Berliner bemerkt durchaus, dass dieses Bus-Monument, das auch schon als IS-Propaganda verunglimpft wurde, in Sichtweite zur Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika steht. Der Tourist erfährt, dass hier, am Platz des 18.  März, im Frühjahr 1848 der Berliner Barrikadenaufstand tobte. Die aufgebrachte Bevölkerung sollte mit liberalen Zugeständnissen ruhiggestellt werden. Doch eine Demonstration eskalierte, das Volk errichtete Barrikaden. Johlende Kinder und Jugendliche bewarfen Soldaten mit Steinen.

Am Samstagnachmittag kommen die Berliner in friedlicher Absicht. Sie haben in den Zeitungen davon gelesen, haben Bilder gesehen. Der Herbstsalon soll hier 16.30 Uhr offiziell eröffnet werden. Doch der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) erscheint nicht. Es werden überhaupt keine Reden geredet. Die sind auch nicht nötig. Das „Monument“ ist ja schon Höhepunkt des 3. Herbstsalons, bevor dieser richtig beginnt. Und so setzt sich Shermin Langhoff, die Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters, wortlos mit Lara Schnitgers‘ Performance „Suffragette City“ in Bewegung Richtung Theater. Einige laufen mit.

Fernsehkameras und Hörfunk-Mikrofone bleiben aufs „Monument“ gerichtet, wo Manaf Halbouni nicht müde wird, Interviews zu geben und die Fragen der Menschen zu beantworten. Nicht jeder erkennt ihn. So berühmt ist der 33-jährige Deutsch-Syrer, der in Damaskus und Dresden Bildhauerei studierte, trotz seines Joseph-Beuys-Hutes noch nicht. Und so fragen drei ältere Damen aus Magdeburg den Herrn mit dem Velotaxi, was die Busse zu bedeuten haben. Er weiß es auch nicht so genau, das Grüppchen ist dankbar für eine Erläuterung. Dass sie mit einer Journalistin reden, ist für sie kein Problem. Udo Michaelsen, der Mann mit dem Velotaxi, parkt öfter am Platz des 18. März. „Hier wird ständig auf- und abgebaut. Aber für die Busse wäre auch am Holocaust-Mahnmal ein guter Platz gewesen“, meint er und wundert sich, „dass hier betoniert werden durfte für die Busse. Das gab es noch nie.“

Eine Frau mit grüngelber Leuchtweste kommt angeradelt. Dankbar greift sie nach einem Infoblatt: „Ach ja, das sind die Busse, die in Dresden schon standen, ich erinnere mich. Gleich komme ich mit einer Touristengruppe hierher. Ich muss doch wissen, was ich denen erzählen soll“, sagt sie und düst davon.

Julian Jäger hat mehr Zeit und seine drei Kinder mitgebracht. Er hat ihnen erzählt, dass die Busse ein Antikriegs-Mahnmal sind. Krieg und Terror – was verbinden Kinder hierzulande mit diesen Worten? Können sie sich vorstellen, dass Menschen in ihrer Verzweiflung Busse als Barrikaden aufstellen und hoffen, sich so zu schützen? Und wie haben die Menschen in Aleppo die Busse überhaupt aufstellen können? In Berlin waren drei Kräne im Einsatz. Hatten sie in Aleppo wenigstens einen?

Brandenburger Tor und Frauenkirche standen lange als ruinöse Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Berlin und Dresden. Sind die Wunden verheilt, indem die Gebäude wiederaufgebaut wurden? Mancher möchte in seinem bequemen Leben an Krieg und Zerstörung nicht erinnert werden, obwohl er das nur aus dem Fernsehen kennt. Manaf Halbouni hat diese Wunden wieder aufgerissen, aus gutem Grund.

Begeistert vom Herbstsalon des Gorki-Theaters ist Peter Fritsch, ein Niedersachse, der in Berlin lebt und an diesem Wochenende für seine Schulfreunde aus der alten Heimat ein Klassentreffen in der Hauptstadt organisierte. Vierzig Jahre ist es her, dass er sein Abiturzeugnis bekam. Fritsch meint: „Das ist ein geschichtsbeladener Platz, hier stehen die Busse genau richtig. Es gibt genug Menschen, die nichts von der Geschichte wissen wollen. Nun dürfen sie drüber stolpern.“ Er kennt die Diskussionen, die es in Dresden gab, und fragt: „Was ist das für eine Gesellschaft, die so ein Monument nicht aushält?“

Weiter könnte man fragen: Was ist das für ein Künstler, der so eine Debatte anschiebt und konsequent führt? Manaf Halbouni wusste von Anfang an, dass sein „Monument“ polarisieren würde. Das Gezeter begann lange, bevor er ausrangierte Busse tatsächlich vor die Frauenkirche stellte. Es begann mit einer Fotocollage auf seiner Website, die manche schon für Realität hielten. Gegner des Kunstwerks ließen nichts unversucht, es zu diskreditieren. Sie behaupteten sogar, der Künstler würde islamistische Propaganda machen. Die Weiterreise nach Berlin wertet das „Monument“ auf, macht es zu einer sozialen Skulptur im öffentlichen Raum und resistent gegenüber dem Geblöke im Netz. Nicht mehr die Busse allein sind das Kunstwerk.

Halbounis Perspektive hat sich gewandelt seit dem Frühjahr in Dresden: „Ich schaue jetzt anders auf die Menschen, denn ich bin nicht mehr derjenige, der die Kunst macht, sondern die Leute sind es. In gewisser Weise habe ich die Kontrolle über die Arbeit verloren. Die Leute halten das Kunstwerk am Leben. Sie öffnen ihre Seele ganz direkt.“ Angriffslustig, teilnahmsvoll, kritisch, plump, mit ätzenden Kommentaren, Beschimpfungen, Drohungen. Die finden sich vor allem im Internet, wo die Angreifer sich nicht zeigen und dem Künstler nicht ins Gesicht sehen müssen.

Der Dresdner Jens Maier, der mit AfD-Mandat im Bundestag sitzt, ließ sich am Brandenburger Tor vor den Bussen fotografieren und postete, dass das „Monument“ für ihn eine Verhöhnung der Opfer des Attentats am Berliner Breitscheidplatz sei. Wie auch schon im Frühjahr in Dresden wird die Absicht des Künstlers nun erneut absichtsvoll ins Gegenteil verkehrt. „Schrott-Denkmal“, „Entartete Kunst“ wurde die Installation in E-Mails an den Künstler diskreditiert. Das machte ihm zu schaffen, umgehauen hat es ihn nicht. Zuspruch wie diese Mail einer Konstanze stärkte ihn: „Ja, es ist kein schönes Kunstwerk wie die Sixtinische Madonna. Aber das soll es auch nicht sein. Was ich darin sehe, ist die Abscheulichkeit des Krieges.“

Manaf Halbouni hat die Reaktionen, auch jene, die an Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert und die Stadtverwaltung gerichtet waren, gesammelt. Im Foyer des Maxim-Gorki-Theaters kann man sie lesen und ein Video ansehen, das das Geschehen an der Dresdner Frauenkirche im Frühjahr aufzeichnete. Die Bilder kommentieren sich selbst.

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