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Mittwoch, 14.03.2018

Küchenschürze statt Arztkittel

Flüchtlinge müssen oft ganz von vorne anfangen, wenn sie in Deutschland einen Job wollen.

Von Jörg Stock

Hauptsache Arbeit: Studentin Rose (23) und Tierarzt Mohamad (36), geflohen aus dem syrischen Rakka, sichten beim Stellenmarkt in Pirna Job-Angebote.
Hauptsache Arbeit: Studentin Rose (23) und Tierarzt Mohamad (36), geflohen aus dem syrischen Rakka, sichten beim Stellenmarkt in Pirna Job-Angebote.

© Norbert Millauer

Sächsische Schweiz. Abdul überfliegt die Anschlagtafel. „Helferstellen“ steht oben drüber. Reinigungskräfte sind gefragt, Hauswirtschaftsgehilfen, Springer. Nichts für Abdul. „Baustelle! Eisen!“, sagt der 27-jährige Afghane. Vor seiner Flucht war er fünf Jahre Bauarbeiter, Eisenflechter. Zeugnis? Hat er keins. Formale Berufsbildung ist in Afghanistan unüblich. Man lernt beim Arbeiten. Sakhi, 25, bestätigt das. Er ist Tischler, war selbstständig. Er könnte sofort Fenster und Türen bauen, oder Möbel. Er hat das Wissen, aber keine Papiere. Das deprimiert ihn. „In Deutschland braucht man immer Papier.“

Die Szene spielt beim Stellenmarkt für Geflüchtete in der Pirnaer Arbeitsagentur. Gemeinsam mit dem Jobcenter hatte die Behörde neulich gut einhundert Flüchtlinge eingeladen, im Agentur-Foyer direkt mit Unternehmensvertretern über eine Beschäftigung zu sprechen. Zehn Firmen aus der Region hatten Vertreter entsandt, darunter Gastronomiebetriebe, ein Pflegeheim, ein Landschaftsbauer und eine Agrargenossenschaft. Groß war der Andrang bei den Zeitarbeitsfirmen. Die bieten viele Helferstellen in unterschiedlichen Branchen, erklärte Arbeitsvermittler Jens Rose. „Eine gute Möglichkeit, bei den Betrieben einen Fuß in die Tür zu kriegen.“

Anerkannte Flüchtlinge haben direkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Auch Geflüchtete, deren Verfahren noch läuft, oder die geduldet sind, dürfen unter bestimmten Voraussetzungen arbeiten. 2017 haben Arbeitsagentur und Jobcenter im Landkreis etwa 120 Flüchtlinge in Arbeit gebracht, speziell in den Bereichen Produktion, Fertigung, Bau, Tourismus und Gesundheit. Im Februar dieses Jahres waren rund 480 Geflüchtete als arbeitssuchend gemeldet.

Wer Flüchtlinge einstellt, der bereut es in der Regel nicht, sagt Iris Hoffmann, Sprecherin der Pirnaer Arbeitsagentur. Firmenchefs beschrieben die Geflüchteten als motiviert und lernbereit. Arbeitsabbrüche kämen nicht häufiger vor als bei Deutschen. Hindernis für eine Einstellung sei neben ungenügenden Sprachkenntnissen mitunter die mangelnde Schulbildung. Wer daheim kein Bildungssystem kennengelernt habe, sei auch nicht in der Lage, einen Integrationskurs zu absolvieren.

Ein generelles Problem ist die Anerkennung beruflicher Erfahrungen aus dem Herkunftsland, nicht nur wegen fehlender Papiere. „Die berufspraktischen Kenntnisse sind oft nicht vergleichbar mit unseren Anforderungen“, sagt Iris Hoffmann. Bei praktischen Tests und in Erprobungsphasen, auch direkt im Unternehmen, müsse ergründet werden, welche Praxiskenntnisse tatsächlich vorhanden seien. Diese ließen sich dann in vorbereitenden Maßnahmen erweitern und vertiefen.

Der Wille zum Job war bei den Besuchern des Stellenmarkts offenkundig. Die 23-jährige Rose, die in Syrien Literatur studiert hat, suchte eine Ausbildungsstelle als Altenpflegerin. Ihr Mann Mohamad, 36, Tierarzt, konnte sich vorstellen, Küchenhelfer zu werden. Hauptsache eine Arbeit, Hauptsache nicht mehr zurück nach Syrien. Ihre Heimat, Rakka, ist ausradiert, sagt Mohamad. „Alles kaputt. Katastrophe.“

Noch ein Hindernis: mangelnde Mobilität. Wie kommt ein Flüchtling ohne Auto zum Küchendienst auf den Rauenstein? Marita Kaiser, die für ihr dortiges Berggasthaus beim Stellenmarkt nach Verstärkung suchte, ist sich des Problems bewusst. Immerhin: Drei junge Herren wollen wenigstens mal gucken kommen, sagte sie zum Schluss – und mit einiger Zuversicht: „Ich denke, ich habe jemanden gefunden.“