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Mittwoch, 11.07.2018

Krimi auf Holz

Der Boden eines Schlosses verbarg mehr als ein Jahrhundert lang die Lebensbeichte eines Schreiners.

Von Ronja Bauer

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Tagebuch unter den Dielen – eines der von Joachim Martin beschriebenes Holzbretter.
Tagebuch unter den Dielen – eines der von Joachim Martin beschriebenes Holzbretter.

© dpaVincent Ollivier/Chateau de Picomtal/dpa

Ein Geheimnis belastete den Schreiner Joachim Martin so schwer, dass er es schließlich dem Holzboden eines Schlosses im Südosten Frankreichs anvertraute. „1868 ging ich um Mitternacht an einem Stall vorbei. Ich hörte Stöhnen. Es war die Mätresse meines Kindheitsfreundes, und sie bekam ein Baby.“ Dann passierte etwas, das den Mann anscheinend auch Jahre später noch beschäftigte.

Der damals 38-Jährige schrieb die Geschichte auf die Unterseite der Holzbretter, die er für einen Boden im mittelalterlichen Alpen-Schloss von Picomtal nahe der italienischen Grenze verwendete. Im Jahr 2000 fanden die heutigen Besitzer die Schriften auf Holz: 72 Bretter, beschrieben zwischen 1880 und 1881. Heutzutage ist in dem Schloss ein kleines Hotel.

„Ein außergewöhnlicher Fund“, sagt der Historiker Jacques-Olivier Boudon, der durch Zufall davon erfuhr und mehrere Jahre daran forschte. Ein solcher Einblick ins Dorfleben sei selten – es gebe aus dieser Zeit kaum „vom Volk hinterlassene Spuren“. Joachim Martin habe „ohne Tabu“ geschrieben, sagt Boudon. Der Schreiner ging davon aus, dass der Text erst nach seinem Tod entdeckt wird: „Glücklicher Sterblicher. Wenn du mich liest, werde ich nicht mehr sein“, steht auf einem Brett.

Die Einträge sind äußerst intim: „Er schreibt über seine Ängste, seine Familie, seine Nachbarn. Er beschreibt eine Dorfgemeinschaft, die erschüttert ist vom Bau der Eisenbahn, von der Landflucht und von politischen Krisen“, schildert Boudon in seinem Buch, in dem auch die einzelnen Einträge abgedruckt sind. Und Joachim Martin lüfte „schwerwiegende und intime Geheimnisse“ der Dorfbewohner von Les Crottes (heute: Crots) – ein Krimi auf Holz.

Lüsterner Pfarrer

Das Drama um die schwangere Mätresse seines Kindheitsfreundes hält der Historiker für den Auslöser der Schriften. Denn er versteht die Zeilen so, dass das Neugeborene umgebracht wurde –und der Schreiner seinen Freund dafür verantwortlich machte. Insgesamt sechs Kinder habe die Frau bekommen, vier wurden „in besagtem Stall begraben“, heißt es auf einem der Brettchen. Joachim Martin schwieg damals anscheinend über den Vorfall: „Er ist mein Kindheitsfreund, und seine Mutter ist die Mätresse meines Vaters“.

Auf einigen Holzstücken macht er auch seinem Ärger über den Dorfpfarrer Luft, den er als „großspurigen Lebemann“ beschreibt, der sich an Beichtgeheimnissen erfreut: Er wolle wissen, „wie genau man mit seiner Frau schläft. Wie oft im Monat, ob man sie bespringt“, dann folgen weitere vulgäre Beschreibungen. Und schließlich: „Hängt das Schwein.“ Bei seinen Recherchen fand der Historiker auch einen Beschwerdebrief über den Pfarrer – unterschrieben von Joachim Martin. Über den Verfasser ist ansonsten wenig bekannt: Er lebte von 1842 bis 1897, war verheiratet und hatte vier Kinder, schreibt Boudon. Er sei ein einfacher Mann gewesen, aber aus seinen Zeilen gehe auch eine gewisse Intelligenz, Kultiviertheit und Liebe zur Sprache hervor. „Meine Geschichte ist kurz und aufrichtig und ehrlich, weil niemand außer dir meine Schriften lesen wird.“ (dpa)

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Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Dresdner Gewissen

    Das war die "Gute alte Zeit" nach der sich Einige zurücksehnen. Auch diese Menschen haben gelitten, mußten Gewissenskonflikte austragen, haben ehrlich geliebt. Nicht anders als wir heute. Und immer daran denken: "Heute ist unsere gute alte Zeit" an die wir uns Morgen erinnern werden. :-)

  2. HT

    Früher war auch die Zukunft besser.

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