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Montag, 14.05.2018

Klassenerhalt ohne Party

Dynamo verliert mit 0:1 gegen Union Berlin – und beendet eine enttäuschende Saison als schlechteste Heimmannschaft der 2. Bundesliga.

Von Tino Meyer und Sven Geisler

Das Dynamo-Zeugnis: Mangelhaft reicht

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Ihr Applaus gilt den Fans, aber nach der erneuten Heimniederlage zum Saisonschluss kommt trotz des Klassenerhalts keine Freude auf.
Ihr Applaus gilt den Fans, aber nach der erneuten Heimniederlage zum Saisonschluss kommt trotz des Klassenerhalts keine Freude auf.

© Robert Michael

Uwe Neuhaus fordert jetzt Verstärkungen.
Uwe Neuhaus fordert jetzt Verstärkungen.

© Robert Michael

Rico Benatelli (l.) gegen Ex-Dynamo Akaki Gogia.
Rico Benatelli (l.) gegen Ex-Dynamo Akaki Gogia.

© Robert Michael

Es ist geschafft – nicht schön anzusehen, aber seit Sonntag, 17.22 Uhr, amtlich. Dynamo Dresden spielt auch nächste Saison in der 2. Fußball-Bundesliga. Dafür genügt am letzten Spieltag eine 0:1-Niederlage gegen Union Berlin. Entsprechend seltsam ist die Stimmung: keine Musik, keine Gesänge, keine Party. Feiern will und kann niemand – abgesehen von den Gästen aus der Hauptstadt. „Ich spüre Erleichterung, aber keinerlei Freude“, sagt Marco Hartmann über den 14. Tabellenplatz.

Mit einem blauen Verband ist der kurzfristig wegen eines Muskelfaserrisses ausgefallene Kapitän von der Tribüne hinunter aufs Spielfeld geeilt. Die Mannschaft schleppt sich dagegen fünf Minuten nach dem Abpfiff vom Mittelkreis in Richtung K-Block. Es gibt einige Pfiffe, ein bisschen Applaus – und ziemlich viel Trostlosigkeit. Pascal Testroet, der sich zu Beginn überraschend auf der Ersatzbank wiederfindet, spricht vom Spiegelbild der Saison und dass er richtig enttäuscht sei.

Seine Stimme ist leise, doch was er sagt, trifft die Sache auf den Punkt. „Wir haben den Klassenerhalt geschafft, das war unser Ziel. Aber wir haben uns nicht mit Ruhm bekleckert“, meint der Publikumsliebling, der bei einer ersten Analyse auch sofort an die Zuschauer denkt: „Wir sind die schlechteste Heimmannschaft der Liga. Für unsere Fans tut es mir am meisten leid.“

Tatsächlich stehen die Dresdner in der Heimtabelle auf dem letzten Platz. Nur fünf Siege, dagegen acht Niederlagen – das ist eigentlich die Bilanz eines Absteigers.

Fast doch noch in die Relegation!?

Und fast hätte Dynamo zumindest den Umweg Relegation noch nehmen müssen, zumindest empfindet Testroet das so und formuliert seine Gedanken unverblümt: „Danke an Kiel, die haben uns den Arsch gerettet. Als die 4:2 gegen Braunschweig führten, konnten wir schon kurz durchatmen.“ Am Ende verlieren die Niedersachsen sogar 2:6 – und steigen ab.

Das Dynamo-Zeugnis: Mangelhaft reicht

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SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Marvin Schwäbe: Note 3: Seine Passsicherheit ist besonders wichtig, weil Dynamo im Aufbauspiel gegen früh attackierende Berliner wenig einfällt.

Niklas Kreuzer: Note 4: Muss defensiv viel arbeiten, zeigt dabei, dass er auch beim Kopfball dagegenhalten kann. Seine Flanken bleiben verbesserungswürdig.

Florian Ballas: Note 5: Zahlt die Herztropfen nach dem Querpass, der an Schwäbe und dem eigenen Tor vorbeigeht (10.). Danach mit solidem Abwehrverhalten.

Marcel Franke: Note 4: Aufmerksames Stellungsspiel, fängt einige Konter ab, bevor sie gefährlich werden können. Dirigiert von hinten heraus.

Philip Heise: Note 4: Versucht es aus der Distanz: erst knapp übers Dreiangel (8.), dann an die Latte (33.). Lässt auf seiner Abwehrseite kaum etwas zu.

Manuel Konrad: Note 5: Vertritt den mal wieder verletzten Kapitän Marco Hartmann, arbeitet viel, hat aber nicht diese Zweikampfpräsenz.

Paul Seguin: Note 4: Unverhofft doch noch mal von Anfang an dabei, und zwar auf seiner Lieblingsposition. Dass er dort mehr Spaß hat, ist zu sehen.

Rico Benatelli: Note 4: Hat eine große Chance, kann quer legen, schießt aber Toni Leistner an (43.). Sein Schüsschen fängt der Union-Torwart sicher (58.).

Haris Duljevic: Note 3: Wenn er den richtigen Zeitpunkt für Abspiel oder Abschluss findet, wird seine Ballkunst wertvoll. Was fehlt, ist ein Tor.

Peniel Mlapa: Note 4: Überraschend in der Startelf, soll seine Kopfballstärke einbringen. Stoppt aber vor dem Gegentor Pedersen nicht.

Moussa Koné: Note 4: Hat gegen die Abwehrrecken einen schweren Stand, kann seine Schnelligkeit kaum ausspielen. Gibt trotzdem nie kleinbei.

Sascha Horvath: Note 3: Kommt erneut für Duljevic in die Partie und braucht keine Anlaufzeit.

Pascal Testroet: Note 3: Sitzt 75Minuten draußen und hat dann die Kopfballchance – sicher gehalten (80.).

Nichtzubewerten:NiklasHauptmann.(SZ/-ler)

Als Dresdens Stadionsprecher Peter Hauskeller das Ergebnis verkündet, bleibt eine Reaktion aus. Selbst auf den Rängen hat jeder mit sich selbst zu tun, die meisten wollen nur weg. Vorher werden noch sechs Spieler mit einem Blumenstrauß verabschiedet. Punkt 17.38 Uhr ist der Rasen leer, die Tribünen auch. Hauskeller versucht trotzdem noch einmal, zu retten, was nicht zu retten ist. Mit einem letzten Satz fasst er das Wesentliche zusammen: „Wir spielen auch in der Saison 2018/2019 in der zweiten Bundesliga!“

Damit reduziert er den ernüchternden Nachmittag auf einen einzigen, entscheidenden Satz. Nach dem Spiel gegen Union oder konkret nach dem Zustandekommen der Niederlage will selbst Uwe Neuhaus gar nicht gefragt werden. „Ich muss ehrlich sagen, dass mir das Spiel scheißegal ist“, sagt Dynamos Cheftrainer und meint: „Das große Ziel, das sich in den letzten Wochen und Monaten ergeben hat, haben wir erreicht. Deswegen freuen wir uns darüber.“

Sein Gesicht sieht anders aus, angespannt, abgekämpft, die Miene ernst. Auch ihn, das betont er ausdrücklich, ärgere die schlechte Heimbilanz – „vor 30 000 Fans alle 14 Tage. Dass wir sie nicht glücklicher, zufriedener machen konnten, daran müssen wir definitiv für die nächste Saison arbeiten. Das ist die Aufgabe, die wir haben: Die Mannschaft so zusammenzustellen, dass es nicht wieder vorkommt, dass es hier wie ein Selbstbedienungsladen ist. Da stecken wir alle Energie rein.“

Doch der Blick nach vorn fällt schwer, erst recht ein optimistischer. Testroet gibt die Reihenfolge vor: heute Enttäuschung, morgen Erleichterung und dann wieder Vollgas, „dann greifen wir wieder an“. Als wenn das so einfach wäre. Vorher wird es Gespräche geben, viele Gespräche. Das bestätigt Kapitän Hartmann.

Die Themen liegen nahe: Was sind die Gründe für die fehlende Konstanz in dieser Saison? Wie lässt sich die katastrophale Bilanz im eigenen Stadion erklären?

Viele Fragen – auch nach Neuhaus?

Und wie steht es um den Teamgeist, wenn die Spieler nach so einer nervenaufreibenden Saison nicht noch mal zusammenkommen? Einen Abschlussabend, erklärt Hartmann, gebe es nicht. Den aber, fügt er hinzu, habe es auch nach dem fünften Platz im Vorjahr nicht gegeben.

Ob bei der Saisonanalyse auch über den Trainer diskutiert wird, bleibt vorerst offen. Interimsgeschäftsführer Kristian Walter und Aufsichtsrat Dixie Dörner hatten unter der Woche im Jahresrückblick von „19:53 – der Dresdner Fußballtalk“ erklärt, man müsse die zuletzt nach der Niederlage gegen Kiel vor vier Wochen besprochene Thematik nicht neu bewerten. Heißt: Neuhaus soll Trainer bleiben.

Diskutiert wird dennoch – auch in der Mannschaft. Testroet zum Beispiel schüttelt den Kopf auf die Frage, ob er Gründe für die miese Heimbilanz nennen könne. „Dazu möchte ich besser nichts sagen“, entgegnet er. Meint er das Spielsystem mit nur einem Stürmer? Er sitzt jedenfalls überraschend zunächst auf der Bank und äußert sich dazu diplomatisch: „Die Aufstellung ist so gewählt, dass Dynamo in der Liga bleiben kann. Für den Moment sind wir mit dem Klassenerhalt zufrieden.“ Mit Betonung auf „für den Moment“.

Neuhaus sieht es wohl ebenso. Er versucht, das Abschneiden zu erklären. Die Tabellensituation und der Druck, Ergebnisse liefern zu müssen, sei von Woche zu Woche schlimmer geworden. Er hoffe deshalb auf einen Lerneffekt. „Ich glaube auch, dass wir personell etwas machen müssen, um die Mannschaft zu verstärken.“

Klar ist am Sonntagabend erst mal nur der Zeitplan für die nächsten Tage, den Neuhaus bekanntgibt. „Wir treffen uns am Donnerstagmorgen, frühstücken gemeinsam, machen noch einen Laktattest, und dann ist Ruhe.“ Für den Moment, vielleicht.

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