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Donnerstag, 12.07.2018

Keiner zu Hause unter der 110

Bei der Polizei im Landkreis Görlitz kommen viele Notrufe nicht durch. Die Zahlen sind aber dramatischer als die Lage.

Von Markus van Appeldorn

In der Polizeidirektion Görlitz sind immer vier Polizisten mit der Annahme von Notrufen beschäftigt.Foto: Pawel Sosnowski
In der Polizeidirektion Görlitz sind immer vier Polizisten mit der Annahme von Notrufen beschäftigt. Foto: Pawel Sosnowski

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Der Landtagsabgeordnete Valentin Lippmann von den Bündnis-Grünen sorgt sich um das Notrufwesen bei der auch für den Südkreis zuständigen Polizeidirektion Görlitz. In einer Kleinen Anfrage an das Sächsische Innenministerium verlangte er Auskunft darüber, wie viele 110-Notrufe in den Jahren 2017 „verlorengegangen“ seien. Innenminister Roland Wöller antwortete nun darauf und teilte mit, dass im Vorjahr 4 238 Notrufe bei der Polizeidirektion Görlitz nicht angenommen worden seien und im laufenden Jahr 1 429 Notrufe.

Die Vorstellung macht vielen Menschen angst: Dass man in der Not bei der Polizei anruft, und dort nimmt niemand ab. Der Landtagsabgeordnete Lippmann fragte ebenfalls, ob nicht angenommene Notrufe zurückgerufen wurden. Ja, dazu hätten die Einsatzsachbearbeiter den Auftrag, antwortete der Minister, aber: „Dies erfolgt jedoch nur unter Beachtung der aktuellen Einsatzlage und des Aufkommens der gegenwärtigen Notrufe.“ Nicht entgegengenommene Notrufe sind allerdings auch kein Alleinstellungsmerkmal der Görlitzer Polizei. Lippmann hat die Anfrage für alle sächsischen Polizeidirektionen gestellt und in allen Fällen ähnliche Antworten erhalten. In Dresden zum Beispiel war die Zahl wesentlich höher – bei einem auch wesentlich höheren Notruf-Aufkommen.

Thomas Knaup, Pressesprecher der Polizeidirektion Görlitz, sieht in diesen Zahlen überhaupt nichts Dramatisches. „Von verlorenen Notrufen kann überhaupt nicht die Rede sein“, sagt er. Es gehe bei der genannten Zahl ausschließlich um Notrufe, die im ersten Anruf nicht entgegengenommen wurden. „Wir haben in dem Zeitraum 67 000 Notrufe im ersten Anruf entgegengenommen. Wenn viele Menschen auf einmal anrufen, können wir nicht alle annehmen“, sagt Knaup. Das sei zum Beispiel bei Ereignissen wie den Stürmen der Fall gewesen. Oft erhalte man auch zum selben Sachverhalt 30 oder mehr Notrufe. „95 Prozent der Notrufe kommen im ersten Anruf durch“, sagt der Polizeisprecher. Zum Rest: „Wir haben quasi alle zurückgerufen.“

Nicht zurückrufen könne man allerdings Anrufer, die innerhalb der ersten zehn Sekunden auflegen. Aus technischen Gründen braucht das Funk-/Notruf-Abfrage-System der Polizei exakt 9,5 Sekunden, um die für einen Rückruf nötigen Daten zu erfassen. „Wir gehen aber davon aus, dass jemand, der einen echten Notfall meldet, auch ein zweites Mal anruft“, sagt Knaup.