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Mittwoch, 10.10.2018

Kein Bock auf Lehrstelle?

Firmen suchen Nachwuchs, trotzdem wurden im Kreis Bautzen in diesem Jahr weniger Ausbildungsverträge geschlossen.

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Konstantin Fürtig wechselt im Autohaus Matticzk in Bautzen an einem Rettungsfahrzeug die Reifen. Er lernt im zweiten Lehrjahr den Beruf des Kfz-Mechatronikers. Fast überall wird Nachwuchs gesucht, aber im Landkreis Bautzen wurden in diesem Jahr weniger Lehrverträge abgeschlossen als 2017.Foto: SZ/Uwe Soeder
Konstantin Fürtig wechselt im Autohaus Matticzk in Bautzen an einem Rettungsfahrzeug die Reifen. Er lernt im zweiten Lehrjahr den Beruf des Kfz-Mechatronikers. Fast überall wird Nachwuchs gesucht, aber im Landkreis Bautzen wurden in diesem Jahr weniger Lehrverträge abgeschlossen als 2017.Foto: SZ/Uwe Soeder

© Uwe Soeder

Sabine Gotscha-Schock von der Kreishandwerkerschaft Bautzen
Sabine Gotscha-Schock von der Kreishandwerkerschaft Bautzen

© Uwe Soeder

Torsten Köhler von der Industrie- und Handelskammer
Torsten Köhler von der Industrie- und Handelskammer

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Bautzen. Fast überall im Regierungsbezirk Dresden treten in diesen Wochen mehr junge Leute eine Berufsausbildung an als im Herbst 2017. Einzige Ausnahme: der Landkreis Bautzen. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden meldet für den Kreis Bautzen acht Lehrverträge weniger als 2017, die Handwerkskammer Dresden spricht von einem Rückgang um 19. Woran liegt’s? Das fragte die SZ Torsten Köhler, Geschäftsführer Bildung bei der IHK Dresden, und Sabine Gotscha-Schock, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Bautzen.

Herr Köhler, suchen Unternehmen im Kreis Bautzen weniger Nachwuchs als anderswo, oder haben die jungen Leute hier nicht so viel Lust auf Lehre wie etwa in Dresden oder Görlitz?

Torsten Köhler: Weder noch. Die acht Lehrverträge weniger sind eine Momentaufnahme, die sich täglich ändern kann. Nach wie vor werden ja Lehrverträge für das gerade begonnene Ausbildungsjahr abgeschlossen. Im Landkreis Bautzen stehen bei IHK-Betrieben bisher 694 Verträge zu Buche. Das ist nach der Landeshauptstadt die zweithöchste Zahl im ganzen Kammerbezirk. Und es ist ja nicht so, dass die anderen Landkreise davoneilen. In den Kreisen Meißen und Sächsische Schweiz/Osterzgebirge haben wir jeweils fünf Verträge mehr als vor einem Jahr. Hier acht weniger, da fünf mehr – so groß sind die Unterschiede nicht.

Teilen Sie diese Ansicht, Frau Gotscha-Schock?

Sabine Gotscha-Schock: Ich würde den Rückgang um 19 Lehrverträge im Handwerk auch nicht überbewerten. Schauen wir mal nicht auf das erste Lehrjahr, sondern auf das dritte. Da haben wir im Moment 325 junge Leute, die 2016 ihre Ausbildung im Handwerk begannen. Also 43 weniger als jetzt. Entscheidend ist aber aus meiner Sicht nicht, wie viele jetzt lernen, sondern wie viele von ihnen am Ende auslernen. Leider haben wir eine Abbrecherquote von 20 bis 30 Prozent. Die kehren nicht alle dem Handwerk ganz den Rücken, manche wechseln auch nur die Ausbildungsrichtung. Das zeigt aber, dass die Berufsorientierung in der Schulzeit besser werden muss, die Jugendlichen mehr über die Berufe wissen müssen. Wer konkretere Vorstellungen hat und weiß, was ihn erwartet, bricht nicht gleich seine Lehre ab.

Bei welchen Berufen sehen Sie denn im Vergleich zu den Vorjahren mehr Nachfrage, bei welchen weniger?

Sabine Gotscha-Schock: Zugelegt hat im Handwerk die Nahrungsmittelbranche. Wir haben erstmals seit Jahren wieder eine Klasse mit Bäckerlehrlingen vollgekriegt. 16 junge Leute haben ihre Bäckerlehre begonnen, vor einem Jahr waren es zehn. Bei Fleischern haben wir im ersten Lehrjahr jetzt sieben Auszubildende, 2017 war es gerade mal einer. Dagegen gibt es zum Beispiel bei Malern und Lackierern einen Rückgang von 23 auf elf neue Lehrlinge. Im Metall- und Elektrobereich war der Kreis Bautzen immer stark, aber hier müssen wir einen Rückgang von 25 auf 18 verzeichnen.

Torsten Köhler: Auch bei IHK-Betrieben gibt es im Bereich Nahrung/Genuss ein Plus von fünf Lehrverträgen gegenüber 2017, bei Transport und Verkehr sowie beim Bau sogar von zehn. Dagegen wurden im Bereich Metall und Elektro sieben beziehungsweise drei Lehrverträge weniger abgeschlossen als im Vorjahr. Das liegt aber weniger an den Unternehmen, dass sie weniger Lehrlinge suchen. Vielmehr können mittlerweile nicht mehr alle Stellen besetzt werden oder aber es fehlt schlicht an Bewerbungen in manchen Bereichen oder Regionen.

Spielt da auch eine Rolle, dass der Landkreis Bautzen die Stadt Dresden vor der Haustür hat?

Sabine Gotscha-Schock: Sicher. Manche Jugendliche zieht es von vornherein nach Dresden. Sie wollen die Großstadt erleben. Andere müssen zur Lehre nach Dresden, weil dort die Klassen für bestimmte Berufszweige konzentriert werden. Zum Beispiel Fleischerlehrlinge, da würden wir im Kreis Bautzen keine Klasse mehr zusammenbekommen. Also gehen die jetzt auch nach Dresden. Und wenn die jungen Leute erst einmal dort sind, stehen die Chancen für eine Rückkehr schlecht. Wir sehen hier das Kultusministerium in der Pflicht, den ländlichen Raum nicht zu vernachlässigen und auch kleinere Fachklassen zuzulassen, statt große in Dresden zu konzentrieren.

Torsten Köhler: Sicher spielt auch die Nähe zu Dresden eine Rolle. Das wird aber immer abhängig sein von den Ansiedlungen der Gewerke oder Branchen und den dabei angebotenen Ausbildungsberufen. Die Lehrlinge können sich heute die Berufe und Unternehmen aussuchen. Das war vor zehn bis 15 Jahren noch ganz anders. Gleichzeitig hat sich das auch durch die erhöhte Studierneigung geändert.

Sehen Sie Branchen, in denen die Suche nach geeignetem Nachwuchs schon zur Existenzfrage wird?

Torsten Köhler: In der Gastronomie und Hotellerie, im Handel, aber auch im Bau oder Metall- und Elektroindustrie werden verstärkt junge Leute für eine Ausbildung gesucht. Im Landkreis Bautzen zusätzlich in der Kunststoffindustrie. Hier machen sich die Unternehmen schon Sorgen, die freiwerdenden Stellen künftig besetzen zu können. Ein Beispiel dafür ist die Situation der Landgasthöfe. Vielen mussten oder müssen schließen, oder sie können nicht mehr durchgängig öffnen oder müssen Aufträge und Bestellungen ablehnen.

Sabine Gotscha-Schock: Es gibt viele kleine Handwerksbetriebe, zum Beispiel Elektriker, die haben nur einen einzigen Angestellten – nämlich den Meister selbst. Wenn der in den Ruhestand geht und keinen Nachfolger hat, gibt es diese Firma nicht mehr. Es ist im Handwerk nicht anders als in der Industrie: In den nächsten zehn Jahren gehen fast ganze Belegschaften geschlossen in Rente.

Wie können die Kammern und die Ausbildungsbetriebe selbst gegensteuern?

Sabine Gotscha-Schock: Wir gehen zum Beispiel in Schulen, ich habe jetzt erst in Bernsdorf und Kamenz Handwerksberufe vorgestellt. Wir sind auf Berufemärkten und Ausbildungsmessen präsent, unsere Betriebe bieten Praktika, Ferienarbeit und vieles mehr an. Alles Möglichkeiten, sich zu informieren und in bestimmte Berufe reinzuschnuppern, ob sie vielleicht eine Option für das eigene Arbeitsleben sind. Dazu drehen wir gerade Werbespots, zum Beispiel über Elektroberufe. Die sollen ab November im Bautzener Kino gezeigt werden, vor den Hauptfilmen. Ich hoffe, die sind Reißer, die junges Publikum locken.

Torsten Köhler: Durch unsere verstärkten Bemühungen, die Unternehmen in der Berufsorientierung zu unterstützen, wie Berufsmessen, Schulpartnerschaften, Azubi-Speed-Datings und IHK-Lehrstellenbörse, konnten in den letzten Jahren die Ausbildungszahlen wieder leicht steigen. Wir tun auch in Zukunft alles, um auf die Chancen nach einer beruflichen Ausbildung hinzuweisen, damit Unternehmen ihre Fachkräfte ausbilden und danach beschäftigen.

Gespräch: Tilo Berger

Jobbörse der SZ: www.sz-jobs.de

Karriereportal des Vereins Lausitz Matrix: www.jobs-oberlausitz.de

Internetportal der Arbeitsagentur: www.arbeitsagentur.de

Lehrstellenbörse der Industrie- und Handelskammer (IHK): www.ihk-lehrstellenboerse.de

Lehrstellenportal der Handwerkskammer Dresden: www.hwk-dresden.de