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Freitag, 11.05.2018

Kampf den Kippen

Milliarden Zigarettenstummel landen jedes Jahr auf Frankreichs Trottoirs: Nun soll die Tabakindustrie auch dafür zahlen.

Von Birgit Holzer, SZ-Korrespondentin in Paris

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© Symbolfoto: Fabian Sommer/dpa

Ein milder Frühlingsabend in Paris, die Café-Terrassen sind gut gefüllt. Das Glas Wein wird begleitet von einer Zigarette – doch wohin mit dem Stummel, wenn sie aufgeraucht ist? Aschenbecher fehlen auf den Tischen. „Einfach auf den Boden damit“, rät die Kellnerin sorglos. „Ich kehre am Schluss alles auf. Kein Problem.“ Doch es gibt eben doch ein Problem: Sie gehört zu einer Minderheit. Üblicherweise bleiben auf den Boden geschnippte Kippen dort liegen und werden irgendwann von der Stadtreinigung oder dem Regen weggespült. Bis dahin gammeln sie an den Straßenrändern vor sich hin. 30 Milliarden Stummel, so wird geschätzt, landen pro Jahr auf Frankreichs Trottoirs.

Nun will die französische Regierung die Kippen-Last und die daraus folgende Verschmutzung bekämpfen – im Rahmen eines großen „Anti-Wegwerf-Plans“. Neben Regeln für effizienteres Mülltrennen und weniger Verpackungsabfall sieht er vor, die Tabakindustrie stärker zur Verantwortung zu ziehen, indem Unternehmen wie Philip Morris oder Marlboro zur Mitfinanzierung der Zigaretten-Entsorgung aufgefordert werden. Der Regierung schwebt eine Art „Öko-Beitrag“ auf jede verkaufte Zigarettenschachtel vor. Bislang lasten die Kosten auf den Städten und Gemeinden.

Doch der Vorschlag ist unbeliebt bei den Betroffenen, zumal die Regierung gerade massive Preiserhöhungen auf Zigarettenschachteln als Maßnahme für die öffentliche Gesundheit beschlossen hat. Die machen das Rauchen in Frankreich im europäischen Vergleich ohnehin zu einem teuren Spaß – oder einer teuren Sucht: Im Schnitt kostet eine Schachtel inzwischen acht Euro. Halter von Tabakläden klagen, der wachsende Schwarzmarkt bedrohe bereits ihre Existenz. Auch die Zigarettenhersteller reagieren alarmiert. „Der Ursprung des Problems ist der Mangel an Gemeinsinn mancher Konsumenten“, sagt Eric Sensi-Minautier, zuständig für die Kommunikation in Westeuropa beim Zigarettenhersteller British American Tobacco. Pauschal alle Raucher für die Nachlässigkeit einer Minderheit bezahlen zu lassen, sei unfair. „Unter dem Vorwand des Umweltschutzes handelt es sich in Wirklichkeit um eine neue Tabak-Steuer.“

Französische Städte gehen bereits mit Strafen gegen das achtlose Wegwerfen von Zigarettenstummeln vor: In Paris, wo jährlich 315 Tonnen davon anfallen, aber auch Lille oder Straßburg kostet diese Nachlässigkeit 68 Euro. Das Rathaus des neunten Stadtbezirks der französischen Hauptstadt ließ 180 öffentliche Aschenbecher aufstellen, in denen allein im vergangenen Jahr 53 Kilogramm an Zigarettenresten anfielen. „Einmal im Monat werden sie aufgesammelt und wir schicken sie an ein britisches Unternehmen, das die Filter recycelt, um daraus Stadt-Mobiliar aus Plastik herzustellen“, erklärt Sébastien Dulermo, im Rathaus zuständig für die Sauberkeit.

Auch in Frankreich entstehen nach und nach Öko-Start-ups, die sich dem Aufsammeln und Recyceln von Zigarettenstummeln annehmen. Das Metier dürfte Potenzial haben. Denn trotz Anti-Zigaretten-Kampagnen – das Qualmen bleibt im Land der Gauloises beliebt.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. xy

    Nicht nur Paris hat das Kippen-Problem. Selbst auf deutschen Bahnhöfen sieht man die Reste der Zigaretten liegen, obwohl dort eigentlich überhaupt keine zu finden sein dürften...

  2. PS

    Mal ganz deutlich: RAUCHER SIND DRECKSÄCKE - ausgenommen die, die ihre Kippen ordentlich entsorgen (gibt es die überhaupt noch?). / Auf die Schachteln müsste nicht nur der EU-Warnhinweis zur Gesundheit, sondern auch zur Rechtspflicht des Entsorgens. Dies scheiterte damals am Nicht-Wollen der EU-Bürokraten.

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