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Donnerstag, 15.02.2018

Jeder dritte Alleinstehende ist von Armut bedroht

Deutschland ist ein Land der Alleinstehenden. Auch ein Job sichert vielen von ihnen kein auskömmliches Einkommen.

Von Basil Wegener

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Die Tafeln sind ein sichtbarer Ausdruck von Armut in Deutschland. Allein in Sachsen gibt es derzeit rund 180 Ausgabestellen. Bis zu 150000 sozial Bedürftige werden dort regelmäßig versorgt.
Die Tafeln sind ein sichtbarer Ausdruck von Armut in Deutschland. Allein in Sachsen gibt es derzeit rund 180 Ausgabestellen. Bis zu 150 000 sozial Bedürftige werden dort regelmäßig versorgt.

© dpa

Immer mehr Menschen in Deutschland leben allein – und deutlich mehr Alleinstehende als früher sind von Armut bedroht. Alleinstehende und -erziehende sind auch besonders häufig überschuldet. Zugleich rückt Einsamkeit als gesellschaftliches Problem zunehmend in den Fokus: Denn einsame Menschen haben ein höheres Risiko, krank zu werden und früher zu sterben.

Von Armut bedroht ist fast jeder dritte Alleinstehende in Deutschland. Nach den jüngsten Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat waren dies 2016 32,9 Prozent der Alleinstehenden. Zehn Jahre zuvor waren lediglich 21,5 Prozent aller Alleinstehenden armutsgefährdet. Die Armutsgefährdungsgrenze lag in Deutschland im Jahr 2016 bei 1 063,75 Euro pro Monat, das entspricht 60 Prozent des mittleren Einkommens.

Dabei nahm die Zahl der Alleinstehenden insgesamt deutlich zu: 16,43 Millionen alleinstehende Erwachsene ohne Kinder 2016 – mehr als zwei von fünf Haushalten – sind mittlerweile Alleinstehenden-Haushalte. 2015 überschritt ihre Zahl die 16-Millionen-Schwelle, 1991 waren es erst rund 11 Millionen. Die Zahl der Alleinerziehenden stieg binnen 20 Jahren zudem um mehr als 300 000 auf über 1,6 Millionen.

Der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, sagte, die Betroffenen hätten es sich häufig nicht selbst ausgesucht, alleinstehend zu sein. „Das verpflichtet die Gemeinschaft, diesen Menschen strukturell zu helfen.“ Wie weit reicht die Verantwortung der Politik?

In Großbritannien wurde kürzlich sogar ein Regierungsposten gegen Einsamkeit eingerichtet – was international aufmerksam registriert wurde. Denn dass die Rolle der Großfamilie schwindet und immer mehr als Single leben, ist bekannt.

Der Untersuchungsbericht einer Kommission, die dem Regierungsposten in Großbritannien vorausging, kam zu dem klaren Schluss: Einsamkeit ist genauso gesundheitsschädigend wie täglich 15 Zigaretten. Für Deutschland hatte bereits SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vorgeschlagen, für den Kampf gegen die Einsamkeit einen Koordinator im Gesundheitsministerium zu etablieren.

Bei den Alleinlebenden ohne Kinder geraten überwiegend Männer in finanzielle Schwierigkeiten. So sind von den Überschuldeten 36,2 Prozent alleinlebende Männer, 24 Prozent alleinlebende Frauen, 23,9 Prozent Paare und 15,2 Prozent Alleinerziehende. Die Alleinerziehenden kommen dabei über zweieinhalb Mal so häufig unter Überschuldeten wie in der Gesamtbevölkerung vor.

Diakonie-Präsident Lilie spricht von einer Abwärtsspirale bei vielen Alleinerziehenden. „Viele müssen quasi rund um die Uhr arbeiten und sich um die Kinder kümmern“, sagte Lilie. „Soziales Leben findet dann kaum noch statt.“ Fast neun von zehn Alleinerziehenden sind Frauen.

Die Finanzprobleme dieser Gruppen gehen oft mit Niedriglöhnen einher. Alleinstehende mit Beschäftigung waren laut Eurostat zu 17 Prozent armutsgefährdet – trotz Job. Hier setzt die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann an. Deutschland habe einen ausgeprägten Niedriglohnsektor, sagte sie. Sie forderte einen höheren Mindestlohn und das Aus von Leiharbeit und sachgrundlosen Befristungen.

EU-weit sind übrigens nur 32,5 Prozent der privaten Haushalte Alleinstehenden-Haushalte. Auch der Anteil deren Armutsgefährdung liegt EU-weit unter dem deutschen Wert, nämlich bei 25,6 Prozent.

Leser-Kommentare

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  1. Beutesachse

    Jetzt werden die Folgen der Agenda2010 sichtbar und jetzt fällt auf, dass man was dagegen tun müsste. Einen Teil der Altersarmut hätte man z.B. mit dem Qualifikationsschutz für ältere Arbeitnehmer verhindern können. Aber die Leute mussten ja bei Verlust des Fach-Arbeitsplatzes so schnell wie möglich jeden noch so miesen Job annehmen. Vom Facharbeiter zum Niedriglöhner. Und jetzt wundert man sich über die zunehmende Altersarmut.

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