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Donnerstag, 11.10.2018 Aus dem Gerichtssaal

Jacke und Schuhe für den armen Kumpel

Eine schon verurteilte Betrügerin musste nun gegen einen früheren Mittäter aussagen.

Von Alexander Schneider

Seit mehr als einem Jahr ist das Urteil gegen eine drogensüchtige Diebin und Betrügerin rechtskräftig. Heike S. wurde im
August 2017 zu zwei Jahren und neun Monaten verurteilt und muss außerdem weitere Reststrafe von eineinhalb Jahren einer früheren Verurteilung absitzen. Am Mittwoch jedoch spazierte die 43-Jährige auf freiem Fuß ins Amtsgericht Dresden. Im Chemnitzer Frauenknast, so wird im Gericht gemunkelt, ist einfach zu viel Betrieb.

Heike S. hatte mit einer Komplizin Briefe aus Verteilerkästen der Post gestohlen. Gerne verwertete sie darin gefundene Kredit-Karten und Pin-Nummern für ihre Einkäufe. Am Mittwoch stand Enrico K. (38), ein alter Bekannter von Heike S., vor Gericht, weil er Ende 2016 mit ihr gemeinsam das Konto eines Rechtsanwaltes geplündert hat. Auch der Anwalt hatte seine Kreditkarte nie bekommen – dafür den Kontoauszug mit einem Minus von 928,84 Euro.

Laut Anklage hatte K. Mitte Dezember 2016 das Fahrrad einer Frau aus dem Nachbarhaus seiner Wohnung in Strehlen geraubt. Kurz vor Weihnachten sei er mit Heike S. einkaufen gewesen. Gemeinsam sollen sie Monatstickets der Verkehrsbetriebe an Fahrkartenautomaten mit der gestohlenen Kreditkarte bezahlt haben. Dafür brauchte es damals praktischerweise keine Pin-Eingabe. Außerdem waren K. und S. in der Prager Straße unterwegs, „kauften“ eine Herrenjacke und mehrere Schuhe.

K. bestritt die Betrügereien mit den DVB-Monatskarten. Damit habe er nichts zu tun. Wohl sei er mit der Heike einkaufen gewesen. Er habe gewusst, dass mit ihrer Kreditkarte etwas nicht stimmte.

Dann kam Heike S., die als Zeugin aussagte, dass K. mit den Monatskarten nichts zu tun habe. Wie sich herausstellte, hatte sie das auch in ihrem eigenen Prozess nie behauptet. Allerdings war sie offenbar von der Staatsanwaltschaft falsch verstanden worden, sodass K. nun dafür irrtümlich angeklagt worden war. S. sagte, sie sei mit K. in der Prager gewesen. Sie habe ihm gesagt, die Karte gehöre einem Bekannten. Was sie nicht sagte, berichtete K.s Verteidiger Bernhard Geßlein später. Heike S. habe aus
Mitleid K., den sie seit ihrer Kindheit in Riesa kenne, Jacke und Schuhe besorgen wollen, weil er nichts habe.

Enrico K. ist vielfach vorbestraft, hat oft in Haft gesessen und wie Heike S. ein Crystal-Problem. Außerdem ist er schwer krebskrank und war seit Monaten nicht mehr beim Arzt – „aus Angst“, wie er zugab. Das Schöffengericht verurteilte ihn wegen Raubes und Betruges in drei Fällen zu elf Monaten – ohne Bewährung. Das Gericht hofft, so schien es, dass K. in Haft mehr ärztliche Hilfe zu Teil wird, als derzeit in Freiheit.

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